Der Graben

Sonntag, 20. April 2014 von rapha

IMG_1436Viele Artikel zum 20. Jahrestag des Genozids in Ruanda beschreiben die gleichen Gedenkrituale: In gedämpfter Stimmung finden große Veranstaltungen statt, dort werden Reden gehalten und es wird kollektiv getrauert. Eine solche Beschreibung kann weltweit verstanden und nachvollzogen werden. Das größte Problem dabei: Es ist die angeordnete Art und Weise, in Ruanda zu trauern. Explizit oder implizit lernen alle in Ruanda, dass sie so ihrer Trauer Ausdruck verleihen müssen. Eine individuelle Erinnerungs- und Gedenkkultur gibt es nicht.

„It is not the time to talk, it‘s the time to eat, to eat and to sleep“, erzählte mir ein ruandischer Nachbar, als ich 2009 in Ruhengeri gelebt habe. Er hatte es aufgegeben, seine eigene Art der Trauer zu suchen und jedes Jahr das Schauspiel mitgespielt. Das will die Regierung sehen, das will die Welt sehen. Er war etwa 50 Jahre alt, als er das zu mir sagte.

Der unsichtbare Graben

Entgegen der öffentlichen Beteuerung funktioniert die jährlich wiederkehrende Erinnerung nicht als Einheitsschwur, sondern spaltet die Gruppen in Ruanda immer weiter. Ich spreche nicht von Hutu und Tutsi, sondern von denen, die das neue System mit Machtressourcen und Möglichkeiten ausgestattet hat, und jenen, die das System zu Verlierern gemacht hat. Durch die Politik der ruandischen Regierung verlaufen die Trennlinien zwischen diesen Gruppen inzwischen fast deckungsgleich zu den alten Gräben zwischen Hutu und Tutsi.

Wenn man sich die Biographien der Menschen anschaut, die nun über die kollektiven und individuellen Erfahrungen von 1994 erzählen, sieht man das ganz deutlich.

Die mit Macht und Geld ausgestattete Elite ist jung, gut gebildet und spricht fließend englisch. Meist sind sie Kinder von Ruandern, die mit ihren Eltern in den 60er und 70er Jahren wegen der Marginalisierung und Verfolgung der Tutsi nach Uganda geflohen sind und dann nach der Rückeroberung durch die RPF (Rwandan Patriotic Front) zurück nach Kigali gekommen sind. Im Vergleich zu Kindern von Familien, die in Ruanda geblieben sind, hatten sie die deutlich besseren Startvoraussetzungen. In Uganda sind sie in einer englischsprachigen Gesellschaft aufgewachsen (im Gegensatz dazu war die Amtssprache in Ruanda damals Französisch) und ihre Eltern brachten vor allem auch ihr Netzwerk mit nach Kigali. Die Umstellung der Schulsprache von Französisch auf Englisch seit dem Jahr 2009 kam ihnen sehr entgegen. Weiterhin werden sie und ihre Familien von im meist europäischen Exil lebenden Verwandten unterstützt.

Auf der anderen Seite sind die Verlierer. Sie leben in den ländlichen Regionen Ruandas; das umfasst eigentlich jeden Landesteil, der nicht Kigali ist. Sie haben praktisch keine Chance, an der versprochenen goldenen Zukunft Ruandas teilzuhaben. Ihnen haftet bis heute der historische Makel an, zu den Tätern gehört zu haben. Zwar sind sie alle zur Schule gegangen, wurden dort aber von Lehrern unterrichtet, die oft kaum etwas von ihrem Fach wussten. Um das von den Vereinten Nationen vorgegebene Entwicklungsziel im Bereich Bildung zu erreichen, wurden Anfang des Jahrtausends Schulen gebaut und Klassen gegründet. Aufgrund der mangelhaften Ausbildung der Lehrer und der häufig schlechten Ausstattung war der Schulbesuch aber eher eine Beschäftigungstherapie; die Regierung konnte sich mit hohen Schulquoten im Ausland brüsten, die Kinder selbst profitierten kaum. Spätestens, als die Schulsprache umgestellt und das Stipendienprogramm für gute Schulleistungen abgeschafft wurde, war das ruandische Schulsystem endgültig zur Farce verkommen. Die Lehrer sprechen kein Englisch, müssen ihre Schüler aber in dieser Sprache unterrichten, da die landesweiten Abschlussprüfungen auf Englisch stattfinden. Und auch nach der Schule haben die Kinder der ländlichen Bevölkerung keine echte Chance, da die Universitäten zu teuer für ihre Eltern sind.

Der manifestierte Graben

Der durch die ungleiche Chancenverteilung entstehende Graben wird derzeit nicht kommuniziert, geschweige denn, dass ein Versuch unternommen würde, ihn zuzuschütten. Es ist sogar verpönt, öffentlich über diese Ungleichverteilung zu sprechen. Dadurch, dass dies so ist, macht es den Kampf dagegen fast unmöglich – wenn denn überhaupt ein Interesse daran besteht. Die auf den ersten Blick beeindruckenden Wachstumszahlen des Landes werden durch das Bevölkerungswachstum fast vollständig aufgezehrt. Während eine kleine Elite des Landes vom Aufschwung profitiert, stagniert ein großer Teil der Bevölkerung in prekären Verhältnissen und hat kaum eine Chance auf sozialen Aufstieg.

Dieser Umstand erklärt auch zu weiten Teilen die Gleichschaltung der Presse und die Kontrolle von Opposition und freier Zivilgesellschaft: Die Menschen auf dem Land bleiben ruhig, weil über ihnen das Damoklesschwert der historischen Schuld hängt, das als unausgesprochenes Druckmittel wirkt. Außerdem hoffen gerade die jungen Ruander darauf, am versprochenen Wirtschaftswunder teilhaben zu können. Und mag die Hoffnung auch klein sein – klar ist auch: Wer gegen das System rebelliert und den Aufstand wagt, verspielt selbst diese geringe Chance.

Gefährlich wird diese Mischung, wenn die Menschen auf dem Land die Hoffnung verlieren und verstehen, dass es eine große, schweigende Mehrheit gibt, denen es ebenso ergeht.

Sie sind unorganisiert und ahnen nicht, dass sie ihr Schicksal mit Millionen anderen Menschen teilen. Sollte sich dieser Umstand ändern, sollte sich die Landbevölkerung ihrer Perspektivlosigkeit bewusst werden, kann das in einer Katastrophe enden: Tausende oder gar Millionen unzufriedene junge Leute ohne Hoffnung auf wirtschaftliche und persönliche Entwicklung könnten, aufgepeitscht von populistischen Demagogen, zu einem unkontrollierbaren Faktor werden. Das war schon zu Beginn des Jahres 1994 in Ruanda der Fall. Der Ausgang ist so bekannt wie schrecklich.

Der Einzelne in der Gesellschaft

Freitag, 24. Dezember 2010 von rapha

Von einem Tag auf den anderen waren sie plötzlich weg. Etwa 30 Häuser an der Straße zwischen dem King Faisal Krankenhaus und dem Novotel in Kigalis Stadtteil Kacyiru. Die Straßenfront war am Tag zuvor noch von kleinen Geschäften und Boutiquen gesäumt. Schätzungsweise 200 Menschen lebten in diesem Gebiet. Nun sah man nur noch die Überreste der ungebrannten getrockneten Lehmziegel. Die Menschen waren fort, ebenso das umtriebige Leben an der Straße.

Lediglich zwei Häuser waren von den Abrisskommandos verschon geblieben. In einem davon lebt Maurice*, ein ehemaliger Schüler von mir. Als ich ihn ein paar Wochen später auf eine Fanta bei ihm zu Hause traf unterbrach ich ihn und seine 16 jährige Schwester beim Fernsehen. Sein Großvater saß draußen vor dem Haus, ganz verwundert, was nun der weiße Mann bei ihnen will. Später kam Maurice´ Mutter nach Hause.

Ihr Haus sei noch nicht abgerissen worden, weil der Platz noch nicht gebraucht werde, meinte Maurice. Die Nachbarn seinen nun über die ganze Stadt verstreut. Die Nachbarschaftsgemeinschaft die sie über die letzten 15 Jahre aufgebaut hätten sei nun eben aufgelöst. Seine Familie war die einzige, die das erste Entschädigungsangebot der Stadtverwaltung abgelehnt hatte. (weiterlesen …)

backslashscott: Re: Rwanda

Mittwoch, 13. Oktober 2010 von rapha

EIn kleiner Seitenkommentar von Scott, der im Juli ein paar Wochen in Ruanda verbracht hat. Ein schönes Beispiel für den ersten Blick und das zweite Mal hinschauen.

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Guardian: Taking sides on genocide

Donnerstag, 16. September 2010 von rapha

Linda Melvern schreibt zum unveröffentlichten UN Bericht und deren Ironie, dass nun ausgerechnet der Armee, die den Genozid in Ruanda beendet hat vorgeworfen wird einen Genozid verübt zu haben.

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Mynameisnotmuzungu: Who won the Rwandan elections?

Freitag, 20. August 2010 von rapha

Wer ist eigentlich der Gewinner der Präsidentschaftswahlen? Dieser Frage geht der Autor des Blogs “My name is not muzungu” nach. Dabei geht es nicht um die Frage wer die meisten Stimmen bekommen hat, sondern vor allem um das was sich die verschiedenen Gruppen vorgenommen haben und was davon nach der Wahl übrig ist.

Ein langer, aber gerade deswegen informativer und lesenswerter Artikel.

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Paul Kagame, Präsident der Republik Ruanda

Mittwoch, 11. August 2010 von rapha


Ruanda hat gewählt, der alte Präsident ist auch der neue: Seine Exzellenz Paul Kagame, der Präsident der Republik Ruanda. Der Namenszusatz ist wichtig, es lohnt sich ihn zu merken, denn ändern wird er sich die nächsten Jahre nicht. Warum auch? Kagame ist Garant für Frieden und Fortschritt, Entwicklung und Zukunft.  Kagame stabilisiert, Kagame ist Kontinuität im Wandel. Kagame ist der beste Präsident den Ruanda hat. Seine Exzellenz Paul Kagame, Präsident der Republik Ruanda. Kagame ist jedoch kein Demokrat, er ist ein autoritärer Führer, der in allen Belangen bestimmt, was in Ruanda passiert.

Die Frage, die vor einer genaueren Beobachtung zu stellen ist, ist, ob Demokratie an sich einen Wert darstellt. Also genauer: Ist die Partizipation der Bevölkerung in Entscheidungen und die freie Wahl ihrer Autoritäten immer die Grundlage für einen im normativen Sinne guten Staatsaufbau? (weiterlesen …)

Guardian: Deadly attacks on Rwandan opposition spark warning by UN

Montag, 19. Juli 2010 von rapha

Zum ersten Mal reagiert die UN. Generalsekretär Ban Ki-moon ist besorgt über die Situation in Ruanda und fordert eine Aufklärung der Vorfälle durch die ruandische Regierung.

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Reuters: FACTBOX-Key political risks to watch in Rwanda

Freitag, 02. Juli 2010 von rapha

Zu guter letzt noch der monatliche Überblick von Reuters über die politischen Risiken in Ruanda. Wie immer informativ und empfehlenswert.

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Deutschlandfunk: Der schwierige Frieden im Herzen Afrikas

Freitag, 02. Juli 2010 von rapha

Ein sehr aufschlussreicher Überblicksartikel von Christiane Kaess über die Lage in Burundi, Ruanda und dem Ostkongo. Absolut lesenswert und endlich mal was auf deutsch. ;-)

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The Standart: Kagame in a spot as spate of killings hit Rwanda

Freitag, 02. Juli 2010 von rapha

Ein Versuch der Einordnung der Attentate auf wichtige Ruander in den letzten Wochen durch den in Nairobi/Kenia erscheinenden “The Standart”.

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