
Mittlerweile bin ich schon zwei Monate wieder in Deutschland. Kurz vor Weihnachten habe ich meine Zelte in Ruanda abgebrochen. Dann kam zuerst mal dieses Weihnachten und dann auch gleich der Jahreswechsel. Was aber nicht kam war der Kulturschock, genauer der Reverse-Kulturschock, bei der Rückkehr aus einer anderen Kultur in die gewohnte Eigene.
Ich hatte nie ein komisches Gefühl, von wegen „wo bin ich denn hier gelandet“. Ich hatte bis auf wenige Ausnahmen auch nie das Gefühl, sofort wieder nach Ruanda zu müssen, damit es mir gut geht. Natürlich hatte ich den einen oder anderen Hänger, natürlich ging es mir nicht immer gut, aber an der unterschiedlichen Kultur lag es nicht. Ich habe mich über die Verpackung von Gemüse im Supermarkt gewundert und fand es komisch, dass Tomaten hier nach nichts, aber auch gar nichts, schmecken. Ich muss mich immer mal wieder beherrschen hier nicht auf den Boden zu spucken und wundere über welche Lappalien und Unwichtigkeiten die Menschen hier teilweise sprechen. Aber das sind keine Dinge, die mir vorher nicht auch schon aufgefallen wären, nichts Neues, nur etwas was mir in den letzten beiden Jahren eben nicht auffallen konnte, da ich ja nicht hier war.
Ich habe dieses Nicht-Kulturschock-Gefühl in den letzten Wochen mit mehreren Menschen besprochen. Ich glaube nun zu wissen wo der Reverse-Kulturschock abgeblieben ist. (weiterlesen …)
Den Unrechtsregimen der 1980er auf dem afrikanischen Kontinent war es egal was die Welt von ihnen hielt. Niemand von außen konnte sie stoppen. Sie benötigten keine positive westliche öffentliche Meinung, sie hatten ja Bodenschätze und die Freiheit ihr ideologisches Weltklima auszusuchen, welches sie fortan unterstützte um einen vermeintlichen Vorteil im Kalten Krieg zu haben. Am besten war, man gab sich immer instabil und veranlasste die Supermächte so dazu immer genügend Zuwendung zu schenken.
Heute ist das anders. Fördermittel von westlichen Staaten und Zuwendungen durch andere Organisationen, wie etwa denen der UN-Familie oder international agierende NGOs sind zurzeit von zwei Punkten abhängig: Wie viel wird über das Leid der Bevölkerung in westlichen Medien berichtet und wie ist das Image der Regierung.
Damit fuhr Ruanda in den letzten Jahren sehr gut. In der westlichen Öffentlichkeit weiß man vom Völkermord und davon, dass Kagame progressiv das Schicksal des Landes annimmt und das Land nach vorne bewegen will. Beide Kriterien erfüllt. Das Geld und die Zuwendungen können fließen.
In den letzten Jahren wurden dieser Rechnung jedoch mehrere Unbekannte hinzugefügt: Welche Rolle spielte die Regierungspartei beim Abschuss der Präsidentenmaschine 1994? Warum darf es keine politische Opposition geben? Wie ist das mit der Presse und Meinungsfreiheit? Was kommt wirklich bei der armen Landbevölkerung an? Wie ist das mit der verdeckten Diskriminierung der vormaligen Konfliktgruppen? Welche Rolle spielt das Militär? Ging es bei der Wiederwahl von Kagame 2010 mit rechten Dingen zu? Und zu guter Letzt: Wie halten Sie es mit den Menschenrechten, Herr Kagame? (weiterlesen …)
Von einem Tag auf den anderen waren sie plötzlich weg. Etwa 30 Häuser an der Straße zwischen dem King Faisal Krankenhaus und dem Novotel in Kigalis Stadtteil Kacyiru. Die Straßenfront war am Tag zuvor noch von kleinen Geschäften und Boutiquen gesäumt. Schätzungsweise 200 Menschen lebten in diesem Gebiet. Nun sah man nur noch die Überreste der ungebrannten getrockneten Lehmziegel. Die Menschen waren fort, ebenso das umtriebige Leben an der Straße.
Lediglich zwei Häuser waren von den Abrisskommandos verschon geblieben. In einem davon lebt Maurice*, ein ehemaliger Schüler von mir. Als ich ihn ein paar Wochen später auf eine Fanta bei ihm zu Hause traf unterbrach ich ihn und seine 16 jährige Schwester beim Fernsehen. Sein Großvater saß draußen vor dem Haus, ganz verwundert, was nun der weiße Mann bei ihnen will. Später kam Maurice´ Mutter nach Hause.
Ihr Haus sei noch nicht abgerissen worden, weil der Platz noch nicht gebraucht werde, meinte Maurice. Die Nachbarn seinen nun über die ganze Stadt verstreut. Die Nachbarschaftsgemeinschaft die sie über die letzten 15 Jahre aufgebaut hätten sei nun eben aufgelöst. Seine Familie war die einzige, die das erste Entschädigungsangebot der Stadtverwaltung abgelehnt hatte. (weiterlesen …)
Wer ein bisschen aufmerksam meine Twitternachrichten in den letzten Tagen verfolgt hat, hat gemerkt, dass ich inzwischen wieder in Deutschland bin. Oder besser gesagt in dem kalten, schneegefüllten und mit weihnachtlichen Lichtern verzierten Ding von dem alle sagen es sei Deutschland. In den ersten beiden Tagen habe ich das Wohnzimmer mit dem Kachelofen nur verlassen wenn es nötig war dies zu tun, so sehr hab ich gefroren.
Kein Vergleich zu Kigali letzte Woche: Am Samstag hatte ich noch 30 Grad und habe bei meinem Abschlussfrühstück auf unserer Terrasse geschwitzt. Es war sehr mühsam meine Sachen zu packen. Über die Monate, ich kann ja fast sagen Jahre, hat sich das ein der andere angesammelt. Ich bin absolut nicht so der Typ, der alles mitnehmen muss, aber es gab verschieden Dinge die ich mit verschiedenen Situationen und Personen verbinde und die deshalb einen Wert für mich haben. Zum Glück waren manche der Klamotten nach zwei Jahren Handwäsche so am Ende, dass ich kein schlechtes Gewissen hatte diese in Ruanda zu lassen. Aber da waren auch ein paar Dinge die ich mitnehmen wollte: Fahrrad, Gitarre, Trommel, Computer und so weiter. Allein das ist schon genug für drei Fluggäste.
Das war auch meine Idee: Ich hab alles was ich hatte schön auf Freunde von mir verteilt die über Weihnachten nach Deutschland, oder besser Europa fliegen. Susanne bekommt die Bücher, Roman meinen Rucksack mit Kleidung die ich die nächsten Wochen in Deutschland nicht brauche und Jakob wurde mit den Restklamotten bedacht, die nirgends sonst mehr reinpassen.
Ich hatte also einen Koffer, meine kleinen Rucksack und mein Fahrrad in der Radtasche dabei. Das hat irgendwie auch gereicht und war stressig genug, aber hat gut geklappt.
Der Abschied von Ruanda war nicht so spektakulär wie ich ihn vielleicht erwartet hätte. Ich hab die Dinge mit der Arbeit abgeschlossen, alles was mit dem Haus und dem Auto zu machen war, war auch kein Problem. Ich hab mich von den zugegebenermaßen nicht unglaublich vielen Menschen die für mich in Ruanda wichtig waren und vor allem noch in Ruanda waren verabschiedet und bin gegangen.
Einen richtig großen Blick zurück habe ich noch nicht gemacht. Ich war mit dem Abwickeln beschäftigt. Ich glaube auch, dass ich dafür ein bisschen Zeit und Abstand brauche um das richtig einzuordnen und zu bewerten.
Dazu werde ich in den nächsten Wochen noch den ein oder anderen Artikel im danach-Bereich des Blogs schreiben. Es loht sich also weiterhin das ein oder andere Mal hier vorbei zu schauen.
Bis dahin wünsche ich euch viel Wärme und schöne Feiertage.
Ich hatte ja beschlossen, dass ich kein Auto brauche und eigentlich auch keins haben will. Daran hat sich im Prinzip auch nichts geändert. Brauchen tu ich immer noch keins, aber ich hab jetzt eins. Es wurde mir quasi aufgedrängt. Ok, ich hab mich nur ganz kurz dagegen gewehrt.
Letzte Woche kam ich nach Hause, als mich am Tor eine ruandische Dame abfing. Sie erzählte mir, sie habe ein Auto, benutz es aber zurzeit nicht. Ob ich nicht Interesse habe ein Auto zu mieten. Ich fragte ein wenig nach, da es ja nicht ganz üblich ist, so etwas auf der Straße angeboten zu bekommen. Sie meinte es sei ein Mizubishi Samurai und sie wolle dafür 10.000 Francs am Tag. Ein MIZUBISHI SAMURAI!?! Schon immer mein Traumauto hier. 10.000 Francs, etwa 12 Euro. (weiterlesen …)
Es ist eine dieser Geschichten, die Freitagabend beginnen. Wir waren auf einer Party von irgend jemandem, viele Leute, darunter auch Sam, den ich schon kannte, oder besser gesagt ein paar Mal getroffen hatte. Bei einem Bier meinte er, ich solle doch morgen zum Fussballfeld hinter dem Flughafen kommen, sie spielten da MotoPolo und ich dürfe gern zuschauen.
Ein paar Bier, wenig Schlaf und eine Dusche später näherte ich mich dem Feld. Sogleich kam Sam heftig winkend auf mich zu: “Roman, we’re short on players, you have to play!” Ich hatte keine Ahnung, was folgen würde, entsprechend skeptisch war ich. Aber es folgte einer der besten Nachmittage ever. (weiterlesen …)
Wenn jemand abwägen darf wie viel Gutes und Böses ein Mensch in seinem Leben gemacht hat und daraus einen Saldo berechnen kann, dann ist es Gott. Beim jüngsten Gericht geht es darum das Lebenswerk zu beurteilen. Bei einem normalen Gerichtsverfahren ist das nicht das Ziel. Jeder muss für seine Verbrechen büßen, positives Verhalten kann höchstens für den Kontext in Erwägung gezogen werden.
Das sollte auch der rheinland-pfälzische Innenminister Karl Peter Bruch wissen, immerhin war er vor seiner Politikerkarriere als Kriminalhauptmeister tätig.
In der Politik gelten jedoch andere Regeln als im Recht. Wenn der Herr Minister einen Vortrag beim Bürgerfest der Freiwilligen Feuerwehr Simmern hielte, würde er deren sehr gute Brandbekämpfung und den neuen Mannschaftswagen loben, auch wenn das Gerätehaus in einem Zustand ist, dass Renovierungsbedürftig ist. Die Menschen sehen es sowieso und der Honig ums Maul ist süß.
Eine ganz andere Geschichte ist es, einem Präsidenten nicht nur ein positives Saldo seiner Leistungen auszurechnen, sondern ihm zu bescheinigen, dass er nichts unrechtes getan hat, zumindest keines das rechtlich bewiesen ist.
Das tat Bruch in Ruanda. „Dem [UN Mapping exercise] Report fehlt es an Grundlage und er ist nicht überzeugend, wenn es zu dem Punkt kommt, welcher Ruanda kritisiert“. (Eigene Übersetzung nach Zitat in einem Artikel der New Times) In dem Bericht, der Kriegsverbrechen aller Seiten im Konflikt im Ostkongo zwischen 1993 und 2003 dokumentiert, wird Ruanda vorgeworfen, gezielt Hutu-Flüchtlinge und kongolesische Hutu in einer Weise getötet zu haben, dass es, sollte es vor einem ordentlichen Gericht zur Anklage kommen, möglicherweise als Völkermord gesehen werden könnte. (weiterlesen …)
Wir wussten auch vorher schon, dass es ein schweres Stück Arbeit werden würde den zweithöchsten ruandischen Vulkan der Virunga-Kette zu besteigen. Ich sah ihn Monate lang jeden Morgen gewaltig und kraftstrotzend in der Landschaft stehen. Ein fast perfekter Kegel, oft mit einer Wolkenkrone. Unten dicht bewaldet, oben karg und zerklüftet.
Wir dachten allerdings nicht, dass er für uns nicht zu bezwingen war. Zu überzeugt waren wir von unserer Leistungsfähigkeit und vor allem von unserer Zähheit. Schlussendlich mussten wir jedoch vor dem Berg kapitulieren und uns eingestehen das der Berg uns an diesem Tag geschafft hat und nicht wie geplant umgekehrt. (weiterlesen …)


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Ich habe gerade meinem Mitbewohner einen Platz in Kigali via Google Earth zeigen wollen und es hat mich beinahe vom Sofa geschlagen. Google hat neue Sattelitenbilder online gestellt. Während das Zentrum von Kigali vorher mit Bildern von 2006 abgebildet war, sind nun neue Bilder von September 2010 zu sehen. Dabei sieht man schön den Fortschritt beim Bau der Gebäude in der Stadt.
Auf den Bildern hier sieht man den Platz, auf welchem es vor sieben Jahren auf dem Busbahnhof umtriebig zuging. 2006 war das Gelände bereits abgesperrt. Seit 2008 wird der Kigali City Tower gebaut, welcher Ende dieses Jahres fertig sein soll. Auch sonst hat sich einiges Verändert. Der Verkehr ist definitiv dichter geworden und so manche neue Gebäude sind gut erkennbar. Ich werde jetzt noch ein bisschen weiter über Kigali fliegen.
Kigali/Ruanda An diesem Wochenende hatte Kigali einiges zu bieten. Ein Ereignis überstrahlte jedoch alles: Die junge aufstrebende Formation Sound.covered.hills präsentierte ihr neuestes Machwerk während es auf der Dachterrasse des Bel Air Restaurants im Stadtzenttrum Kigalis entstand.
Es ist schon ungewöhnlich, dass es etwas zu kaufen gibt, was es noch gar nicht gibt und man anschließend direkt zuschauen und zuhören kann, sowie interaktiv an der Erstellung teilnimmt. Doch genau so machten es Sound.covered.hills mit ihrer schon lange vom Fachpublikum erwarteten Debutscheibe am vergangenen Freitag.
„Niemand wusste genau auf was er sich da einlässt“, beschrieb Sänger und Gitarist Rapha das Wagnis, „weder das Publikum, noch wir.“ Aber scheinbar kam diese Idee beim Publikum gut an. Schon vor dem Konzert war die Hälfte der CD Produktion verkauft. Oder um präziser zu sein: Die Hälfte der für die Verpackung des Endprodukts vorgesehenen CD Cover waren an den Mann und die Frau gebracht. (weiterlesen …)
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