Gefühl

Die komische Situation war schon am Morgen des zweiten Tages, als ich unter der Dusche in der Auberge La Caverne stand. Ich fühlte mich heimisch, alles war gewohnt. Ich hatte viele Nächte in diesem Hotel verbracht. Etwa drei Wochen 2004 und bei meiner langen Zeit hier auch fast immer, wenn ich in Kigali war oder Besuch empfang. Wenn ich es zusammenrechne komme ich sicher auf 50 Nächte.

Im nächsten Moment dachte ich mir: Wow, krass, du bist jetzt ja hier. Seit 30 Monaten hatte ich dort nicht mehr geduscht. Eine lange Zeit. Ich sollte mich eigentlich ganz speziell fühlen. Das tat ich aber nicht.

Diese Situation steht ein bisschen dafür, was ich hier gerade immer wieder erlebe. Ich kenne dieses Land sehr gut. Ich kenne viele Menschen und ich habe hier vieles erlebt. Viel positives, viel negatives, aber ganz sicher eindrückliches. Eigentlich glaube ich, dass ich mehr spüren müsste.

Wir haben seit der Ankunft hier wenig Zeit. Termine, Fahrten, Treffen. Zack, zack, zack. Zum ersten Mal hatten wir Zeit durchzuatmen als wir am Dienstagabend in Gisenyi am Strand saßen. Aber auch da hatte ich wenig Zeit zu realisieren, wo ich gerade bin, physisch wie mit dem Kopf. Erst heute habe ich mich ein bisschen abgesetzt, um die Zeit zu haben eben genau da zu mir zu kommen. Ich habe Plätze besucht, mit denen ich viel verbinde: Ich bin mit dem Moto nach Kaciyru gefahren, um in mein altes Haus hier zu schauen. Das hatte ich gemietet als ich nach Kigali zog.

Schon beim Weg über die Straße Richtung King Faysal sah ich, dass sich viel verändert hat. Früher war dort eine lebendige Straße mit kleinen Geschäften. Heute ist dort alles aufgeräumt und sauber. Auf der Staubstraße, auf welche ich abbiegen musste, hatte ich dann schon ein bisschen ein mulmiges Gefühl. Ich hatte ja schon im Vorfeld der Reise darüber nachgedacht, wie es wohl ist hier zu sein, wenn sich Dinge verändern.

Ich klopfte am Tor. Niemand öffnete. Ich klopfte noch mal. Ich hörte Pierre mit seinen Latschen zum Tor laufen.

IMG_3977Es hat sich natürlich auch in „meinem“ Haus viel verändert. Das wichtigste aber war, dass Pierre noch da war. Er hat als Guard dort schon gewohnt, als ich eingezogen bin und tut es noch heute. Leider ist unser Hund Polly gestorben, mit dem wir immer Schabernack getrieben haben. Aber wie das so ist in Ruanda: Life must go on. Es gibt einen neuen Hund. Joy.

Ansonsten ist es sehr leer in dem Haus. Seit meine ehemaligen Mitbewohner vor vielleicht einem Jahr ausgezogen sind, wohnt niemand mehr dort. Die rustikalen Holzmöbel stehen wieder ordentlich aufgeräumt herum, niemand der ein kreatives Chaos hinterlässt. Der Garten ist akkurat geschnitten. Leben sieht anders aus. Vor allem jenes, das wir dort für fast ein Jahr hatten.

Ich konnte mit Pierre nie viel sprechen, wir haben keine gemeinsame Sprache, aber wir verstehen uns. Er hat nach meiner Familie gefragt und das Bild von mir und meinen Eltern gezeigt, welches ich ihm da gelassen hatte. Ich habe ihn nach seinen Kindern gefragt. Er hat eine Tochter, die jetzt 3 Jahre alt ist und einen Sohn der noch ganz klein ist. Ich habe ihm versucht zu erzählen, warum ich hier bin und dass ich bald wieder weg gehe. Er sagt, es gehe ihm gut. Ich sage, dass ich viel Arbeit habe in Deutschland. Er freut sich, wenn ich mal wieder vorbei komme. Ich gebe ihm ein wenig Geld für ein Bier. Wir verabschieden uns herzlich.

Diese Unterhaltung fand auf Kinyarwanda statt, war also eher ein zuwerfen von Vokabeln. Wo ich sie aber hier gerade aufschreibe, laufen mir die Tränen die Wangen herunter. Ich bin nicht traurig, ich bin aber irgendwie bewegt.

Ich kenne dieses Land sehr gut. Ich kenne viele Menschen und ich habe hier vieles erlebt. Viel positives, viel negatives, aber ganz sicher eindrückliches.

Vielleicht spüre ich das gerade.

Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, 25. Juli 2013 um 16:16 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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4 Kommentare »

  1. Hallo Rapha,

    sehr ergreifender Bericht. War schön zu lesen, vielen Dank.

    Euch weiterhin viel Spass!

    Comment: Daniel – 26. Juli 2013 @ 02:50

  2. Sehr ergreifend und schön! Auch ich möchte mich bedanken. Ich habe ein ähnliches Gefühl, wenn ich nach Polen reise. Zwar ist es um die Ecke und sicherliche eher zu erreichen als Ruanda, nichtsdestotrotz bin ich nicht so häufig da. Vor allem nicht so oft als das ich nicht jedes Mal irgendwie neu ankommen müsste. Und jedes Mal ist es anders – mal sehr vertraut, mal fremd, mal zu lange her, mal wie Heimat. Ich glaube, dass es nicht nur an den Orten liegt, die wir besuchen, sondern auch an Gerüchen, Menschen, Atmosphäre, Erinnerungen…Und es ist schön das zu spüren!

    Comment: Karin – 26. Juli 2013 @ 07:19

  3. Auch wenn du wenig Zeit zu haben scheinst, klingt das so, als ob du auf deinem richtigen Weg bist, auf dem Herz und Verstand den Takt angeben! Find ich gut, so Leute braucht es immer! Alles Gute weiterhin Rapha. Lg

    Comment: Daniel – 28. Juli 2013 @ 10:06

  4. Vielen Dank euch für die Rückmeldung.

    Comment: rapha – 03. August 2013 @ 20:20

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