Ach Herr Brück…

In der Rhein-Zeitung hat Dietmar Brück einen Artikel über seine Ruanda-Reise veröffentlicht. Dies ist eine Antwort.

Ruanda zu verstehen ist nicht einfach, über Ruanda zu schreiben schon gar nicht. Das einzusehen und deshalb in seinen Behauptungen wage zu bleiben, ist das Eine, Klischees zu bedienen und vermeintlich klare Fakten ungeprüft zu verbreiten, das Andere.

Ein Artikel wie Ihrer über einen Besuch im Gefängnis in Gitarama liest sich gut. Ein wenig wird angeprangert wie schlecht es den Gefangenen geht, ein bisschen beschreiben sie, sogar in der Überschrift, wie die Gefangenen trotzdem guten Mutes zu sein scheinen. Dazu eine Brise Völkermord und HIV und fertig ist das nichts sagende Bild, von dem jeder das behalten kann, was er oder sie sich schon vorher so gedacht hat. „Bilder bedienen“ kann man es auch nennen.

Sehr geehrter Herr Brück, das bringt niemandem etwas.

Natürlich schreiben sie mit der Rhein-Zeitung für eine Tageszeitung und nicht für ein politisches Enthüllungsmagazin, aber ein bisschen mehr Differenziertheit und vor allem Faktenrecherche würde auch ihren Lesern sicher gefallen und vor allem ein Verständnis für das Rheinland-Pfälzische Partnerland erzeugen das über Klischees und Regierungswahrheiten hinaus geht.

Das ist gar nicht so schwer, man muss nur ein wenig Kenntnis darüber haben, wie Dinge in Ruanda funktionieren und diese mit unterschiedlichen Quellen und ein bisschen journalistischer Vorsicht kombinieren.

Gehorsam

Ruandische Kinder werden von Anfang an auf gehorsam Erzogen. Zu Hause hören sie auf den Vater, in der Kirche auf den Pfarrer und in der Schule auf den Lehrer. Sie werden dazu erzogen unbedacht zu wiederholen und nicht darüber nachzudenken. Sie werden es selten erleben, dass ein Ruander zu ihnen sagt, dass er etwas nicht wüsste. Er erzählt lieber das was er nicht genau weiß, was aber sein könnte. Dies passiert, weil Sie, Herr Brück, in diesem Fall die Autoritätsperson darstellen, der es zu gehorchen gilt. Auf Grund solcher Kommunikation halten sich Gerüchte, die Farbe der Häftlingsbekleidung hätte mit dem Genozid zu tun, die sie einfach reproduzieren. In Wahrheit zeigt die Farbe lediglich den Stand des Verfahrens: Rosa tragen die Verurteilten, Orange die „Untersuchungshäftlinge“.

Dafür, dass viele Aktionen der Ruander von deren Gehorsam abgeleitet sind und nicht davon, dass sie verstanden haben, was da passiert nur zwei Beispiele:
Bei der Präsidentschaftswahl haben übereifrige Parteifunktionäre 107% für Präsident Kagame ausgezählt.
Alle halten sich daran keine Plastiktüten zu benutzen (sehr öffentlichkeitswirksam) verbrennen aber auf ihren Feldern Batterien.

Das gute Regime

Natürlich wird Ihnen in den Werkstätten erzählt, dass die Häftlinge hier ein „paar ruandische Francs verdienen können“, man will ja gut dastehen gegenüber den Gästen. Natürlich bekommen die Gefangenen nichts. Man kann diese sogar mieten, wenn man Arbeitskräfte braucht. Das Geld verschwindet in der Haftanstalt.

Ähnlich verhält es sich mit den laschen Sicherheitsvorkehrungen. Das ruandische System braucht keine Sicherheitsvorkehrungen. Ruander tratschen gerne viel. Jeder weiß vermeintlich alles. Dieses System sorgt dafür, dass jede Veränderung im persönlichen Umfeld verbal an andere weiter gegeben wird. Irgendjemand ist dann immer dabei, der jemanden kennt, der für die Partei, die Polizei oder sonst eine Behörde arbeitet. Im Prinzip ist es ein privates Stasi-Netzwerk, das politisch benutzt wird. Haben Sie sich nicht gefragt, wie sonst so ein sicheres Land funktionieren kann?

Die Bilder im Kopf

„Eine Kleinstadt hinter Gittern. Schmutzig und trostlos. Aber auch ausgestattet mit kleinen Inseln, die ein wenig Menschlichkeit versprechen, falls der Schein nicht trügt.“

Dieser Satz trägt Ihre Konfusion nach außen. Sie können nicht sagen, was das ist und war. Sie beschreiben aber keine Wirkung auf Sie, sondern ein Bild, dass den Leser an die alte Leier glauben lässt, die (Achtung stilistische Vereinfachung) Afrikaner machen das komisch und bekommen das nicht gut hin. Nichts genaues weiß man aber nicht.

„Sie klatschen, trommeln, tanzen und singen. Über ihnen ragt ein unbemannter Wachturm in den Himmel. Nicht weit von ihnen haben Wachleute die Kalaschnikow im Anschlag.“

Die hier beschriebene Szenerie wirkt auf jemanden der das nicht gesehen hat bedrohlich und gefährlich, vielleicht sogar ein bisschen absurd. Um das richtig einzuordnen hätten Sie auch beschreiben müssen, dass in Ruanda auch im Gottesdienst und bei der Arbeit getanzt und gesungen wird. Dazu noch, dass überall im Stadtzentrum bewaffnete Sicherheitsmänner vor Shops und Restaurants stehen und Polizei und Militär in großen Gruppen mit der gleichen Bewaffnung auf Streife gehen. Auch das beinahe drei Jahre alte Foto zeigt, dass sie eher ein Text zum Bild geschrieben haben, als ihren Eindruck zum Text gemacht.

„Insgesamt leben rund 6700 Menschen in dem Gefängnisareal, das aus einem ganzen Komplex an Gebäuden besteht. Darunter sind gut 500 Frauen, 171 Minderjährige und 50 Kinder, die zum Teil hinter Gittern auf die Welt kamen.“

Das sind Zahlen, die Ihnen gesagt wurden. Haben Sie sich mal überlegt, wer solche Zahlen bereitstellt? Welches Eigeninteresse dahinter steht? Ich bin der Meinung, dass niemand weiß, wie viele Menschen in Gefängnissen und gefängnisähnlichen Einrichtungen sitzen.

Ich erzähle Ihnen eine Geschichte: Ein befreundeter ruandischer Arzt hat sie mir erzählt. Sie beschreibt Verdachtsmomente die jeder, der das ruandische Regime kritisch beleuchtet, nachvollziehen kann.

Ruanda bekommt seit mehreren Jahren Hilfsgelder (auch aus Deutschland) zur Eindämmung von Malaria. Davon wurde ein zentrales Labor für Malariatests eingerichtet. Wurde vorher Malaria vor Ort getestet und diagnostiziert, werden die Tests aus allen Gesundheitszentren nun dort analysiert. Es gibt seit dem weniger positive Malariatests. Viele Menschen sterben nun in den Gesundheitszenten eben an gewöhnlichem hohen Fieber und nicht mehr an diagnostizierter Malaria. Die Malaria wird also in Ruanda gut bekämpft, die Geber sind glücklich.

Was ich mir wünsche

Herr Brück, ich habe in den letzten fast drei Jahren, die ich nun Ihre Artikel und Tweets lese, den Eindruck bekommen, dass  Sie ein Mensch sind, der Fakten mit gesundem Menschenverstand betrachtet und daraus kluge Schlüsse zieht. Bei diesem Artikel ist Ihnen das, meiner Meinung nach, leider nicht gelungen.

Wer im ruandischen Kontext nach verlässlichen Fakten sucht, kommt nicht weit. Immer ist es eine Entscheidung, welcher seiner Quellen man mehr Glauben schenkt. Dazu muss man diese Quellen haben. Die bekommt man nicht, in dem man ein paar Tage mit dem Mainzer OB an der, zugegebenermaßen schönen, Milles Collines Poolbar sitzt. Das brauche ich Ihnen als, mit Verlaub, „altem Hasen“ nicht zu erzählen.

Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, 03. November 2011 um 14:08 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Spezial abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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1 Kommentar »

  1. Werter Kritiker,

    ein kurzer Besuch ist ein Schlaglicht und keine tiefschürfende Analyse. Trotzdem bin ich dankbar über diese öffentliche Zuschrift. Sie hilft mir, Ruanda tiefer und besser zu verstehen. In Gitarama hat man uns ein geschöntes Bild präsentiert. Ich denke, das kommt rüber. Das mit der Häftlingskleidung wurde uns mehrfach anders dargestellt. Rosa für Genozidtäter. Orange für “normale” Kriminelle. Anders ist die Systematik bei jugendlichen Straftätern: Da steht Rosa in der Tat für verurteilt – und Orange für Untersuchungshaft. Wobei wir uns einig sind: Die Untersuchungshaft kann sich über Jahre hinziehen. Da höchste Stellen bei dem Gespräch nach dem Besuch anwesend waren, bin ich davon ausgegangen, dass zumindest diese Informationen stimmten – zumal sie mehrfach bestätigt wurden. Sollte das nicht der Fall sein, ist auch das ein interpretationswürdiger Vorgang. Schade, dass wir uns in Ruanda nicht getroffen haben.

    Viele Grüße
    Dietmar Brück

    Comment: Dietmar Brück – 03. November 2011 @ 14:43

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