Der Einzelne in der Gesellschaft

Von einem Tag auf den anderen waren sie plötzlich weg. Etwa 30 Häuser an der Straße zwischen dem King Faisal Krankenhaus und dem Novotel in Kigalis Stadtteil Kacyiru. Die Straßenfront war am Tag zuvor noch von kleinen Geschäften und Boutiquen gesäumt. Schätzungsweise 200 Menschen lebten in diesem Gebiet. Nun sah man nur noch die Überreste der ungebrannten getrockneten Lehmziegel. Die Menschen waren fort, ebenso das umtriebige Leben an der Straße.

Lediglich zwei Häuser waren von den Abrisskommandos verschon geblieben. In einem davon lebt Maurice*, ein ehemaliger Schüler von mir. Als ich ihn ein paar Wochen später auf eine Fanta bei ihm zu Hause traf unterbrach ich ihn und seine 16 jährige Schwester beim Fernsehen. Sein Großvater saß draußen vor dem Haus, ganz verwundert, was nun der weiße Mann bei ihnen will. Später kam Maurice´ Mutter nach Hause.

Ihr Haus sei noch nicht abgerissen worden, weil der Platz noch nicht gebraucht werde, meinte Maurice. Die Nachbarn seinen nun über die ganze Stadt verstreut. Die Nachbarschaftsgemeinschaft die sie über die letzten 15 Jahre aufgebaut hätten sei nun eben aufgelöst. Seine Familie war die einzige, die das erste Entschädigungsangebot der Stadtverwaltung abgelehnt hatte.

Die Universitätsklinik will auf dieser Fläche neue Gebäude bauen um in direkter Nachbarschaft zu einem der besten Krankenhäusern Kigalis Vorlesungsräume zu haben und Studenten unterzubringen. Gleichzeitig ist es ein Teil des großen Kigali Masterplans zur Stadtsanierung, dass alle Häuser die aus ungebrannten Lehmziegeln gebaut sind durch neue, moderne Häuser zu ersetzen.

Schon andere Stadtteile mussten dem Modernisierungswahn weichen. Etwa das „Arme-Kiyovu“ unterhalb der Hauptstraße die in die Stadt führt. Hier wurde vor vier Jahren ein ganzer Hügel von kleinen Hütten und Häusern befreit. Die Stadt wollte auch hier seine Vision von einem Kigali der Superlative verwirklichen. Bis heute ist dort aber nicht viel passiert. In den letzten beiden Jahren wurden lediglich Abwasserkanäle gebaut und eine Straße befestigt. Scheinbar ist das Land für viele zu teuer und für Investoren unattraktiv. Aber wenn es erstmal abgerissen ist, wird sich schon was finden was man darauf bauen kann.

Das ist auch die Meinung von Maurice. Die Stadtverwaltung hat seiner Familie eine Abfindung von etwa 15.000 Euro angeboten damit sie ihr Haus verlässt. Das reiche nicht ganz für ein neues Haus, sei aber ein Anfang. Sie hätten ja auch keine andere Möglichkeit gehabt. Als sie das erste Angebot von umgerechnet 5.000 Euro ablehnten seien sie von den Nachbarn beschimpft worden sie würden der Modernisierung ihres Landes im Weg stehen. Die Stadtverwaltung wies sie auch nochmals nachdrücklich darauf hin, dass sie auch entscheiden könnte das Lehmziegelhaus aus Sicherheitsgründen abzureißen. Es gibt seit wenigen Jahren ein Gesetz welches dies ermöglicht. Dann hätten sie nur noch eine Entschädigung für das Land bekommen. Darauf wollte es Maurice´ Mutter nicht ankommen lassen. „Das ist ja auch gut, dass unser Land modernisiert wird. Wir müssen das Große und Ganze im Auge behalten“, meint Maurice auf meine Nachfrage wie er denn zum Umzug seiner Familie steht.

Auf eine solche Aussage wartet man von einem Garmischer Bergbauern oder einem Stuttgart 21 Gegner vergeblich. Ich kann dem auch einiges Verständnis entgegen bringen, da unsere Gesellschaft in diesem Punkt auf anderen Werten basiert. Nicht nur Deutschland, sondern die ganze westliche Welt basiert auf einer starken Stellung der Individuen und dem Grundsatz „Gleiches Recht für alle“. Rechtliche Beziehungen basieren auf universellen Werten und Regeln die für alle gelten. Wenn jemand Unrecht geschieht kann er sich darauf berufen, dass er oder sie vor dem Gesetz nicht schlechter gestellt werden kann als andere. Unrecht ist Unrecht und Recht ist Recht, unabhängig von Status und Geld, von Einfluss und Macht.

Generell funktioniert Ruanda anders. Wichtiger sind persönliche Beziehungen, Nachbarschaften und Familienbanden. Die Wissenschaft nennt sowas eine Partikularinteressen-Gesellschaft. Ich mache Geschäfte mit jemandem den ich kenne, ich vertraue meiner Familie und meiner direkten persönlichen Umfeld.

Die ruandische Regierung handelt konträr zu diesem Gesellschaftsaufbau wenn sie proklamiert, dass alle Ruander gleich seinen, dass die Entwicklung des Landes wichtiger sei als Einzelschicksale. Dieser Ansatz, der auch zur deutschen Politik passen würde, und den wir in einer sozialverträglichen und milden Form auch für normativ „richtig“ halten würden zielt jedoch an dem vorbei was für geschätzte 90% der Ruander Lebenswirklichkeit ist.

Für uns in Deutschland sieht das wie irrationales Verhalten aus, was aber auf Grundlage der dahinter stehenden Werte in Ruanda durchaus nachvollziehbar ist.

Wer bei uns als Fünfter eine Bank betritt kommt normalerweise auch als Fünfter am Schalter dran. Das ist fair und gerecht. In Ruanda kann es sein, dass der Fünfte ein wichtiger Unternehmer ist, der dem Schalterbeamten bekannt und seit Jahren ein guter Kunde des Geldinstituts ist. Es kann sein, dass er als erster bedient wird, oder sogar, dass der Service für jemand anderen unterbrochen wird, nur um diesen Kunden zu bedienen. Wir würden es nach unserem Verständnis ungerecht nennen, doch  vor dem anderen Hintergrund folgt es klar der Logik: „Das wichtige zuerst“.

Die von der Regierung propagierte Gleichbehandlung aller passt also nicht zum ruandischen Gesellschaftsaufbau und ist auf den zweiten Blick auch nicht mehr als Fassade. Die Ungleichbehandlung findet nur für andere verborgen hinter dieser Fassade statt. Lediglich gegenüber den Menschen die keinen Einfluss haben oder diese doppelmoralische Politik nicht durchschauen kann wird dies als Argument angeführt. Deshalb glaubt Maurice, dass das Verhalten seiner Familie notwendig sei um das Land Ruanda voran zu bringen.

Er merkt dabei nicht, dass er das Bauernopfer einer Politik ist die Wasser predigt und Wein trinkt. Die der ungebildeten Masse der armen Bevölkerung einredet sie müsse sich kooperativ verhalten. Die politische und machtgesellschaftliche Klasse, zwischen welcher der Übergang fließend ist, schiebt sich selber mit ihrer Klientelpolitik Geld, Macht und Posten zu.

Die Frage ist, wann es breite Gesellschaftsschichten verstehen, dass sie die Verlierer dieses Vorgehens sind und wo sie ein Ventil findet diesen Unmut loszuwerden. Eine machtpolitische Teilhabe und eine echte Demokratie könnte diesen Unmut kanalisieren und eine Radikalisierung und eine Hinwendung zur Gewalt langfristig verhindern.

*Name geändert

Dieser Beitrag wurde am Freitag, 24. Dezember 2010 um 18:01 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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1 Kommentar »

  1. Endlich geschafft das ganze aufzuklären, was wir uns alle gedacht haben.
    Danke für die Info!

    Comment: Manni – 27. Dezember 2010 @ 18:35

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