Es ist eine dieser Geschichten, die Freitagabend beginnen. Wir waren auf einer Party von irgend jemandem, viele Leute, darunter auch Sam, den ich schon kannte, oder besser gesagt ein paar Mal getroffen hatte. Bei einem Bier meinte er, ich solle doch morgen zum Fussballfeld hinter dem Flughafen kommen, sie spielten da MotoPolo und ich dürfe gern zuschauen.

Ein paar Bier, wenig Schlaf und eine Dusche später näherte ich mich dem Feld. Sogleich kam Sam heftig winkend auf mich zu: „Roman, we’re short on players, you have to play!“ Ich hatte keine Ahnung, was folgen würde, entsprechend skeptisch war ich. Aber es folgte einer der besten Nachmittage ever.

Im großen, alterwürdigen Kigali-Wörterbuch findet sich folgendes: „MotoPolo, das: Fussballähnliches Spiel mit zwei Teams à 4 Spielern mit dem Ziel, den Ball ins Tor zu befördern. Die Spieler sitzen als Passagiere auf MotoTaxis und haben einen Schläger, mit dem der Ball gespielt werden darf. Gespielt werden 4 Viertel à ca. 15min. Schubsen, reissen, zerren ist erlaubt. In den Pausen sowie vor und nach des Spiels wird Alkoholkonsum empfohlen.“

Nehmen wir doch die Kritik gleich vorne Weg. MotoPolo ist nicht ökologisch. MotoPolo ist dekadent. MotoPolo ist kolonialistisch. Und MotoPolo macht einfach unglaublich viel Spass. Klar ist es irgendwo verwerflich, wenn sich ein paar Muzungu schwarze MotoTaxiFahrer nehmen und sich in bester Eroberermentalität zum reinen Vergnügen rumfahren lassen. Allerdings: die Fahrer werden bezahlt, ebenso Schäden an den Motos. Sie bekommen Bier. Und ein MotoPolo Spiel ist bei weitem nicht so gefährlich wie Kigalis täglicher Strassenverkehr.

Es ging los. Ich bestieg mein Moto, begrüsste meinen Fahrer, das Team verteilte die Positionen. Offense, Defense, Mittelfeld. Der Schiri legte den Ball in die Mitte, acht Motos rasten auf einander zu, versuchten als erste am Ball zu sein und als letzte auszuweichen. Nach dem ersten Viertel lagen wir 4:0 zurück, doch jetzt wusste ich wie’s geht und in den folgenden Vierteln brachten wirs immerhin auf ein 8:3 – nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass die anderen schon länger zusammen spielten und wir zwei Neulinge im Team hatten. Im wieder kippte jemand bei einer scharfen Wende vom Moto, mal ging ein Schläger zu Bruch oder der Ball flöten. Die wilden Verfolgungsjagden, dramatischen Torszenen und wilden Kämpfe lassen sich leider genau so wenig in Worte fassen wie die heftigen Adrenalinkicks und der langsam einsetzende Rausch.

Fazit: MotoPolo ist wohl eine der dümmsten und besten Freizeitbeschäftigungen die es gibt, vergleichbar vielleicht mit PaintBall. Es macht viel zu viel Spass, als es wirklich ernsthaft zu betreiben. Und wenn sich die Gelegenheit bietet bin ich sofort wieder dabei!

Dieser Beitrag wurde am Sonntag, 05. Dezember 2010 um 18:58 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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7 Comments »

  1. Hallo Roman,

    ich finde es ehrlich gesagt schade, dass du, der du dir offenbar darüber im Klaren bist wie kritisch diese Beschäftigung im Nord-Süd Kontext zu betrachten ist, trotzdem an diesem Schwachsinn teilnimmst. Selten von etwas „dekadenterem“ und „kolonialischterem“, wie du es ja schon selbst sagst, gehört. Möchte nicht wissen was sich die Motofahrer dabei denken.

    Gruß,
    Philipp

    Comment: Philipp – 05. Dezember 2010 @ 19:19

  2. „Und ein MotoPolo Spiel ist bei weitem nicht so gefährlich wie Kigalis täglicher Strassenverkehr.“

    Zunächsteinmal möchte ich mich bedanken, dass ihr durch euer Spiel armen hilflosen Moto-Fahrern ermöglicht dem sehr gefährlichen Verkehr Kigalis zu entkommen. Danke!
    Es ist nett, dass ihr euch schwarze Fahrer NEHMT!

    Was ihr da veranstaltet ist richtig arm leute!

    Comment: Jonas – 05. Dezember 2010 @ 20:44

  3. Danke für die kritischen Rückmeldungen. Ich seh das auch kritisch und habe deshalb auch nicht mitgemacht.
    Ich bitte aber auch zu bedenken, dass die Motofahrer dafür bezahlt werden und so nicht nur Spaß haben, sondern auch bares Geld dabei verdienen.

    Es ist immer ein abwägen zwischen Spaß und Dekadenz, zwischen anpassen und sein gewohntes Leben leben. Bei mir fängt das schon an bevor Geld ins Spiel kommt. Ihr werdet mich nie hier mit kurzen Hosen auf der Straße sehen, weil man das hier einfach nicht macht. Natürlich wäre das bequemer und nicht so heiß, aber man macht es eben nicht.

    Die Wortwahl ist manchmal an der Grenze, aber ich glaube, dass zeigt auch der Grenzwertigkeit der Aktion.

    rapha

    Comment: rapha – 06. Dezember 2010 @ 07:43

  4. Mamawe…
    Dekadenter geht’s ja nicht….
    Es kann ja mal passieren, dass man sich ein bisschen verrennt, irgendwie in eine Situation kommt und etwas tut, was man im Nachhinein kritisch reflektiert. Klar, das kann passieren, solche Situationen kenn ich auch aus eigener Erfahrung.

    Auch du hattest ja augenscheinlich irgendwie ein schlechtes Gefühl bei der Sache, oder siehst zumindest die Ambivalenz, das klingt ja in deinem Eintrag durch, aber schreibst dann trotzdem ein so positives Fazit und versuchst das Ganze noch als etwas Gutes darzustellen, wegen dem Geld das die Motofahrer bekommen…
    Das versteh ich nicht!

    Klar reiche Ruander sind kein Stück besser und die restlichen Ruander sehen das aus meiner Erfahrung wesentlicher gelassener als ich. Die Kinder toben, man schaut den Weißen zu, erfreut sich über die kleine Attraktion. Hat Spaß.

    Aber ich finde solche Aktionen ziemlich scheiße.
    Betrachte man die Situation doch mal unter dem finanziellen Aspekt (aber eher im weiteren Sinne verstanden): Was bezahlt ihr denn für den Spaß? Bestimmt doch mindestens 10.000 oder?
    Das doppelte Monatsgehalt eines Guards bei uns auf dem Land…
    Klar die Fahrer freuen sich über das gut verdienete Geld und haben auch noch ihren Spaß dabei. Keiner, auch nicht die ruandischen Motofahrer fühlen sich warscheinlich in dieser Situation in eine koloniale Rolle gedrückt, das möchte ich gar nicht bestreiten.

    Vordergründig geht es allen gut dabei, aber könntet ihr es nicht besser wissen?
    Findest du es nicht irgendwie entwürdigend, dass ihr das Geld so einfach ausem Ärmel schütteln könnt, während ihr da steht in kurzen Hosen und öffentlich Bier sauft…während Kinder wie auf dem Foto im da im Hintergrund stehen und sich versuchen das Geschehen zu erklären und zu verstehen?

    Es ist nur eine Mutmaßung, ich war ja auch bei der Aktion nicht dabei und aus deinem Eintrag geht auch nicht direkt herraus, ob zum beispiel auch Ruander mitgespeielt haben (hinten drauf, nicht als Fahrer!)

    Für mich hat diesen Verhalten einen sehr bitteren Beigeschmack den ich kurz zu erläutern versuche:
    Durch solche Aktionen bleibt das gesellschaftliche Bild vieler Ruander über die Europäer und Amerikaner weiterhin bestehen und ein Komplex, der ja sowieso da ist (schau doch mal wir sehr KGL und die Oberschicht versucht Amerika nachzueifern und alles Amerikanische zu übernehem..) wird verstärkt…

    Es gibt Menschen die setzen sich über lange Zeit dafür ein ein Puzzleteil zu setzen um eben diesem Bild entgegen zu wirken.
    Trotzdem festigen sich natürlich viel schneller Bilder von solcher hedonistischer Scheiße, als die mühsame und langwierige Arbeit eines Freiwilligen Vertrauen zu erhalten aus dem sich dann Freundschaften ergeben was zur Folge hat dass gerade diese wenigen Menschen einen Europäer kennen lernen und sehen dass er im Grunde genommen nicht viel anders ist als sie. Für diese bleiben dann „die Europäer“ auch nicht nur „die Europäer die alle einen großen Pool haben“, sondern die Vorstellung wird mit Gesichtern besetzt, Freunden mit denen man ein Stück Lebenszeit gemeinsam verbracht hat…

    Natürlich haben nur die wenigsten Ruander solch eine Erfahrung machen und viel schneller verfestigt sich das Bild, das man gerade einmal wieder bestätigt sieht, wenn man euch Moto-Polo spielen sieht.

    Abazungu ni abasazi na bafite amafaranga benshi…”Weiße sind irgendwie komisch aber haben viel Geld”

    Nach deinem Artikel verstehe ich wieder direkt, warum man solche Sachen im Bus zu hören bekommt…

    Simon

    Comment: Simon Nshuti – 06. Dezember 2010 @ 15:32

  5. Unabhängig von der Kritik, die man anführen könnte, finde ich den Sport geil! 🙂 Einfach ne coole Idee! 😀
    Ich seh es auch nicht so kritisch, wie die meisten, bin aber wohl nicht so in der Materie drin.
    Es wirft für mich die Frage auf, darf ich Sachen, die ich mir leisten kann, aber andere nicht, nur so machen, dass es die, die es sich nicht leisten können nicht sehen können? Diese Einstellung fände ich spießig und nicht angebracht. Nur weil andere sich dies oder jenes nicht leisten können, verbietet es anderen dies nicht. Ansonsten dürfte niemand mehr Golf spielen oder Dressur reiten machen…

    Comment: Dominik – 06. Dezember 2010 @ 16:03

  6. Liebe Freunde der kollektiven Empörung

    Die grosse Frage ist: Darf man das? Darf man zu schnell fahren? Steine von Bahntrassen klauen? Einen Schwarzen Neger nennen? Einen Weissen Muzungu? Ein 10Euro Shirt kaufen, das in Indien die Böden ruiniert und die Flüsse vergiftet? Alle zwei Jahre ein neues Handy kaufen, dessen Bestandteile in Minen aller Welt unter fragwürdigen Bedingungen zusammengekratzt werden? In Europa Ananas und Bananen essen? Einem Bettler Geld geben? Ihm keines geben? Atomstrom verbrauchen? Formel1-Fan sein? Spass haben in einem Entwicklungsland? Für 40$ beim Nobelinder essen, wenn die meisten Leute hier weniger als 1.50$ fürs tägliche Leben haben? Im Post-Erdbeben-Haiti Kreuzfahrtferien machen? Diese nicht machen? Für 500$ die Gorillas anschauen? Ein Auto mieten und übers Wochenende nach Kibuye fahren?

    Klar, ein Unrecht macht ein anderes nicht wett. Es gibt sicher schlauere Dinge als MotoPolo. Aber auch viel schlimmere. Also ausatmen, Kraftausdrücke versorgen und sich wieder wichtigerem zuwenden.

    Raphas Blog, soweit ich ihn bis jetzt kenne, soll möglichst viele Facetten des Lebens hier zeigen. Da gehören Bergwanderungen und Politik dazu, aber auch mal ein mir-gehts-grad-scheisse Beitrag oder ein Bericht über MotoPolo. Das Leben hat eben mehr als 256 Farben.

    Ich verstehe (und teile) die Bedenken meiner Kritiker. Aber wenn Ruander die Weissen auf MotoPolo reduzieren ist das genauso falsch wie wenn wir diese auf Hirsebier reduzieren. Viele Muzungus arbeiten hart und gönnen sich dann mal Entspannung, welche sich nicht mit dem kulturellen ruandischen Kontext verträgt, sondern halt westlich (oder indisch oder chinesisch) ist. Aber genau darum ist es eben entspannend, weil es vertraut ist. Deswegen gibt es auch italienische Quartierfeste in Deutschland (gegen welche meine Kritiker wohl auch Sturm laufen). Ja, auch die Ruander arbeiten hart. Doch findet deren Entspannung in ihrem eigenem Kontext statt. Wenn einer im Bus sagt, Muzungus wären komisch, sagt das nicht nur was über die Muzungus aus, sondern auch etwas über das Verständnis der Ruander.

    Nun, ob Kritiker oder Befürworter: wer immer mal in Kigali ist, klopfe doch einfach an die wohlbekannte Tür (ich bin ja noch da, auch wenn Rapha auszieht). Dann trinken wir eine Fanta und diskutieren ein bisschen. Ich würd mich freuen. Ganz ehrlich.

    Roman

    Comment: Roman – 07. Dezember 2010 @ 10:59

  7. See you later in 06/2011 Kigali.
    H.G.T.

    Comment: Helmut Günter Theiler – 12. Dezember 2010 @ 16:35

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