Karisimbi is a baby, Muhabura is a mountain

Wir wussten auch vorher schon, dass es ein schweres Stück Arbeit werden würde den zweithöchsten ruandischen Vulkan der Virunga-Kette zu besteigen. Ich sah ihn Monate lang jeden Morgen gewaltig und kraftstrotzend in der Landschaft stehen. Ein fast perfekter Kegel, oft mit einer Wolkenkrone. Unten dicht bewaldet, oben karg und zerklüftet.

Wir dachten allerdings nicht, dass er für uns nicht zu bezwingen war. Zu überzeugt waren wir von unserer Leistungsfähigkeit und vor allem von unserer Zähheit. Schlussendlich mussten wir jedoch vor dem Berg kapitulieren und uns eingestehen das der Berg uns an diesem Tag geschafft hat und nicht wie geplant umgekehrt.

Morgens um 5.15 Uhr war die Welt noch in Ordnung. Roman und ich wachten in der katholischen Herberge Notre Dame de Fatima in Ruhengeri auf.  Es war natürlich ein bisschen früh, aber ein farbenfroher Sonnenaufgang entschädigte uns für den entfallenen Schlaf. Wir hatten ja ein Ziel: Der 4127 Meter hohe Muhabura sollte an diesem Tag bezwungen werden.

Die ersten Anzeichen für Probleme gab es aber schon am Abend zuvor. Ich hatte einen mir bekannten Vulkan-Guide angerufen um ihn zu Fragen ob er nicht mit uns auf den Muhabura steigen wolle. Als er darüber nachdachte viel ihm auf, dass für diesen Tag gar keine Gruppe gebucht hatte. Das bedeutet, dass die Mitarbeiter des Büros in Kigali unsere Buchung nicht weitergeleitet hatte. Er meinte er würde etwas organisieren, wir sollen schon um 6.30 Uhr da sein.

Wir waren auch am Startpunkt der Tour, aber wer nicht da war, war unser Guide. Wir standen ein wenig verloren zwischen all den Gorilla-Touristen, tranken Tee und warteten. Währen der zweiten Tasse habe ich mehrfach versucht unserem Guide, der inzwischen da war, zu sagen, dass wir losgehen wollten, damit wir es im hellen auch wieder runter schaffen könnten. Ich hatte von einem Freund gehört, dass dieser bis 20 Uhr am Abend unterwegs gewesen war. Der Guide winkte ab. „Ich muss noch ein paar Sachen erledigen“.

Also waren wir erst 8.15 Uhr am Ausgangspunkt der Wanderung. Auf einem Pick-up zusammen mit dem Guide und den sechs Soldaten die uns aus Sicherheitsgründen begleiteten.

Die ersten 500 Meter ging es auf einem kleinen Trampelpfad leicht bergauf und dann ging es hoch. Noch entlang an Kartoffel- und Bohnenfeldern stark ansteigende Trampelpfade bis wir nach etwa einer Stunde am Eingang des Parks auf 2500 Metern Höhe ankamen. Schon da war mir klar, dass es kein Zuckerschlecken werden würde. Das Wasser lief mir über das Gesicht, das Herz pochte laut und ich schnaufte tief. Aber es half ja nichts, weitere fünf Stunden Aufstieg würden folgen.

Am Parkeingang gab der Guide auch bekannt, dass wir um 14 Uhr werden umdrehen müssten, da wir sonst beim Abstieg in die Dunkelheit kommen würden. Roman und ich waren mit Taschenlampen ausgerüstet, der Guide aber nicht.

Also ging es weiter bergauf. Direkt hinter dem Eingang zum Park durch meterhohes, sattgrünes Gras und stachelige Sträucher. Ein wenig weiter vorbei an urigen Bäumen. Egal was am Rand des Pfades, oder manchmal auch auf ihm, stand, es war immer unglaublich steil. Kein Anzeichen von Schlangenwegen oder Serpentinen. Wir sollten später bei der Auswertung der GPS Daten sehen, dass wir pro gelaufenem Meter fast einen halben Meter an Höhe gewannen, 50% Steigung heißt das im Technikjargon.

Bei der ersten größeren Pause war mein T-Shirt dann schon komplett nass. Ich hatte in den ersten drei Stunden nicht weniger als drei Liter Wasser getrunken, am Ende des Tages sollten es sechs davon sein. Wir aßen ein bisschen Brot und Käse auf 2930 Metern. Hier war klar: Nach knapp 1000 Höhenmetern in den ersten drei Stunden blieben nur weitere drei Stunden für die fehlenden gut 1000 Höhenmeter. Die Höhe und die Erschöpfung würden diese Aufgabe schwierig machen.

Auf etwa 3250 Metern wurde die Landschaft ein bisschen flacher, aber nur vorübergehend. Die Bäume wichen kleinen Sträuchern, die aussahen als müssten sie schon jahrelang Wind und Wetter trotzen. Zwischen dem steinigen Untergrund krallten sich ein paar wenige Grasbüschel fest. Am Himmel zogen dicke Wolken auf, der Wind pfiff über die Kuppe.

Bis zu diesem Zeitpunkt konnte man immer schön nach unten schauen, aber nach oben sah man nichts. Nun sahen wir den Koloss vor uns. Steinig, ruppig, braungrau und vor allem: hoch. Es waren nur noch etwa 600 Höhenmeter bis zum Gipfel. Dafür hatten wir gute 90 Minuten Zeit. Ich gab die Losung aus, dass der Körper nur noch 200 Meter durchhalten müsse, die letzten 400 Meter macht der Kopf. Bei mir schmerzten aber beide. Ich bekam Krämpfe gleichzeitig im rechten Oberschenkel und der rechten Wade, in meinem Kopf pochte es.

„Ich will da hoch. Weiter auf geht’s.“ Ich musste mich selber anfeuern. Roman war ein paar Meter vor mir, musste immer mal wieder auf mich warten. Wir machten jetzt häufiger Pause, dafür allerdings kürzer. Ein Stück Käse für den Salzhaushalt, ein Schluck warmen Tee für die Seele und die Temperatur.

Mittlerweile war es frisch geworden. Der Wind pfiff um die Ohren, wir trugen beide Jacken. Immer wieder zogen Wolkenschwaden direkt über den Bergkamm. Bei mir schmerzten die Beine immer mehr. Eigentlich nicht nur die Beine. Auch der Rücken und selbst mein Handballen bekam Schwielen von meinem Stock, welchen ich brauchte um mich mit meinem Arm nach oben zu schieben. Einigermaßen beruhigend war zu sehen, dass auch Roman inzwischen immer wieder stehen blieb und der Anstrengung Tribut zollen musste.


3700 Meter. Ein unglaublich schöner Blick nach unten, ein ernüchternder nach oben. Man sah so etwas was aussah wie die Spitze, aber noch sehr weit weg. Ich war inzwischen in die 50/10 Technik übergegangen. 50 Schritte gehen, stehenbleiben und 10 Mal atmen. Ein bisschen Rhythmus, Salamitaktik, Selbstbetrug. Eigentlich war ja klar, dass ich ganz nach oben wollte, hätte ich allerdings an die ganze verbleibende Strecke gedacht wäre ich einfach nur zusammen gebrochen.

Ich rief zu Roman, er solle mir eine Flasche Wasser und seinen Rucksack liegen lassen, ich würd das aufnehmen und dort auf ihn warten bis er vom Gipfel zurückgekommen wäre. Ich lies in diesem Moment den Gedanken zu, dass ich es nicht nach oben werde schaffen können. Roman ging noch ein bisschen und stellte die Flasche ab. Er wartete auf mich. Es war 13.45 Meter, 3900 Meter über Normal Null. Endstation für mich. Roman lief weiter, auch in dem Wissen, dass er nur noch 15 Minuten Zeit hatte. Er knackte die 4000 Meter, dann war auch für ihn Schluss.

Um Viertel nach zwei ging es wieder abwärts. Ich hatte ein trockenes Shirt und ein neues Fleece angezogen um nicht so auszukühlen. Doch anders als erwartet war der Abstieg ebenso beschwerlich. Auf rutschigem Fels und Geröll gerade abzusteigen war nicht nur sehr anstrengend für den Körper, ich spürte meine Oberschenkel, sondern auch nicht einfach für den Kopf. Jeder Schritt musste konzentriert und feinfühlig gesetzt werden. Für mich nicht immer möglich. Immer wieder rutschte ich weg und landete auf meinem Hintern.

Nach einer Stunde hatten wir nur 600 Höhenmeter geschafft. Es wurde knapp noch in der Zeit nach unten zu kommen. Ich wurde müde. Meine Laune war nichtmehr die beste. Aber es half ja nichts.

Unser Guide stürmte voraus, Roman blieb ihm auf den Fersen, ich hielt die drei Soldaten hinter mir auf. Ich hatte Schmerzen in den Oberschenkeln, aber zum Glück keine Krämpfe mehr.

So ging das Stundenlang weiter. Runter auf rutschigem Untergrund. Ein müder Körper der seinem Kopf nicht immer gehorchte. Ich kam mir vor als würde ich taumeln. Die Reaktion des Beines auf Unebenheiten im Untergrund wurde immer langsamer. Aber weiter. Es hilft ja nichts.
Mittlerweile war es halb fünf. Eine Stunde noch. Wir waren auf 2800 Metern. Der Park musste bald zu Ende sein, dann noch ein bisschen über die Felder. Aber der Park zog sich. Bei jedem Mal, als ich ein bisschen Aussicht hatte sah ich noch die Bäume des Parks. „Das gibt’s doch nicht“, dachte ich mir, „die können den Park doch nicht innerhalb von zehn Stunden so vergrößert haben.“

Kurz nach 17 Uhr waren wir raus aus dem Park. Noch ein paar Kilometer Felder, kleine Dörfer mit kleinen Kindern, die nach Geld fragten. Ein Soldat der mich angrinste und fragte ob ich müde bin. Ich hätte ihm am liebsten mal vors Schienbein getreten, aber mein Bein tat weh und er hatte eine Kalaschnikow. Also ließ ich es lieber.

Ich war sehr froh, als wir um halb sieben endlich im Auto zurück nach Ruhengeri saßen, kurz in unserem Hotel die Rucksäcke abholen konnten und um 19.15 Uhr auf unseren reservierten Plätzen im Bus nach Kigali saßen.

Ich erinnerte mich an die Worte unseres Guides am Morgen, als ich ihm Stolz erzählt hatte, dass ich im letzten Jahr auf dem Karisimbi war, mit 4507 Metern noch um einiges höher als der Muhabura. Er sagte: „Karisimbi is a baby.“ Ich nahm die Warnung zwar ernst, dachte aber bei mir, dass ich es diesem Typen schon zeigen würde. Bei der Verabschiedung wiederholte er:„As I told you before: Karisimbi is a baby, Muhabura is a mountain“

Jetzt kann ich anfügen: Und was für einer!

Bilder gibts in der Galerie.

Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, 25. November 2010 um 13:53 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

«  –  »

3 Comments »

  1. Hallo Raphael,
    ne tolle Leistung… auch das Anhalten wenn nichts mehr geht.
    Denke gerade an unseren Abstieg vom Säntis vor 18 Jahren.
    Alles Liebe
    Franziska

    Comment: Franziska – 26. November 2010 @ 22:38

  2. Hi Rapha

    Bereite grad was für meine Studenten vor und bin noch über was gestolpert. Wir haben bei der Berechnung ignoriert, dass GPS ja ellipsoidische Höhen misst, wir aber von Geoid-Höhen ausgehen müssen. Da die Geoidundulation rund -8m beträgt, warst du also auf 3908m. Dachte mir doch wir waren besser als angenommen. 😉

    Gruss aus Kigali,

    Roman

    Comment: Roman – 22. Februar 2011 @ 07:57

  3. Sehr gut. Dann hat mich mein Gefühl nicht getäuscht: Es hat sich höher angefühlt. 😉

    Comment: rapha – 22. Februar 2011 @ 16:03

Leave a comment

 

Powered by WordPress – Design / Umsetzung: Daniel Lienert