Das kann doch nicht wahr sein!

Gestern hatte ich mal wieder eines der seltenen Erlebnisse wo ich mir kurz denke: Raffen die das alle nicht? Geht’s noch? Bin ich eigentlich der einzige der mitdenkt? Ihr Deppen!

Ich fuhr nach der Mittagspause mit meinen Fahrrad zurück ins Büro. An einer Bushaltestelle lag ein Mann, der offensichtlich am Kopf blutete. Drum herum standen etwa 20 Leute die auf den Bus warteten und den Mann nicht beachteten. Im Weiterfahren wurde mir klar: Du muss anhalten und schauen was da ist. Das habe ich gemacht, bin umgedreht und hab dabei vor mich hin geflucht.

Ich habe angehalten und die Menschen gefragt was passiert wäre. Niemand reagierte. Ich sagte auf Kinyarwanda: Da ist doch ein Problem. Zwei umstehende nickten. Andere stiegen in den Bus der gerade anhielt. Ich war der einzige der sich für den am Bodenliegenden zu interessieren schien. Immerhin interessierten sich jetzt ein paar dafür, was ich hier so mache. Alle schauten ein bisschen und lächelten vor sich hin.

Einer der Passanten sprach mich auf Englisch an: „Der ist krank.“ Das war mir auch schon aufgefallen. „Der hat Epilepsie“ Ok, aber er liegt mit seinem Kopf in einer kleinen Lache Blut mittags um halb zwei an einer Bushaltestelle und niemanden interessiert’s?

Ich konnte den Mann überzeugen mit mir ein Auto anzuhalten und ihn mit diesem Taxi ins 500 Meter entfernte Krankenhaus zu bringen. Zusammen mit zwei anderen Männern luden wir den verletzen ein und fuhren ins King Faysal Krankenhaus.

Dort in der Notaufnahme fragte ich was sie nun mit ihm machen. Als klar war, dass der Mann dort kostenlos erstversorgt wird und ein paar Pflaster bekommt war ich beruhigt und habe mich bedankt. Auch bei den Männern die mit ins Krankenhaus gefahren sind. Der Taxifahrer hat natürlich nochmal um Geld gefragt. Er hat 500 Francs bekommen und eine kleine Moralpredigt: „I am not an ambulance“, sagte er immer wieder.
Solche Geschichten ärgern mich immer sehr. Ich merke auch wie ich dann oft sehr klar in meinen Anschuldigungen bin. Was ist denn das für eine Gesellschaft! Was sind denn das für Leute!

Mit ein bisschen Nachdenken komm ich dann schon auf ne Erklärung, aber sowas ist für mich ein Verhalten, mit dem ich einfach gar nichts anfangen kann und welches mich immer wieder abschreckt. Dieser fehlende Blick für andere. Die Überforderung bei der kleinsten Denkkombination: Verletzter –> braucht Doktor –> muss ins Krankenhaus –> dafür brauch ich ein Transportmittel –> frag ich doch mal jemand –> super.

Ich verstehe es nicht!

Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, 16. September 2010 um 10:18 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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6 Comments »

  1. Ich sach nur:
    Lieber ’ne Stunde im brütendheissen Auto warten, als mal ein Auto 10 Meter zu schieben…

    Comment: Birgit – 16. September 2010 @ 16:34

  2. Hey Rapha!
    Krasse Geschichte. Du schreibst im letzten Absatz: „Mit ein bisschen Nachdenken komm ich dann schon auf ne Erklärung…“. Mich würd interessieren, ob du auch für dieses Verhalten irgendeine Erklärung parat hast… Angst davor, sich anders zu verhalten als die Personen außenrum? Verantwortungsdiffusion…? Meinst du die Reaktion auf sowas in Ruanda unterscheidet sich arg von der in Deutschland? Und wenn ja, warum? Hier wird ja auch immer mal wieder gern weggeschaut – auch wenn ich mir grad nicht so richtig vorstellen kann, dass einer hier mit blutigem Kopf an der Bushaltestelle liegen kann, ohne dass es wen interessiert… aber wer weiß…

    Comment: Evi – 18. September 2010 @ 15:27

  3. Ich glaube das passiert überall auf der Welt, dass die Leute lieber wegschauen als anzupacken. Ob das etwas mit Ruanda zu tun hat, weiß ich nicht, aber ich vermute, dass es ein menschliches Problem ist, dass je nach Region anders ausgeprägt ist. Mir ist so etwas ähnliches auch schon in Dresden passiert. Ein Mann mit Krücken ist im Winter mitten auf einem gut besuchten Platz ausgerutscht und lag wie ein Käfer auf dem Rücken und kam nicht mehr hoch. Ich bin mit dem Fahrrad immer näher gekommen und konnte zusehen, dass es keinen interessiert. Da ich den Mann nicht alleine hochbekommen habe, habe ich einen jungen Mann gefragt, der grad vorbei kam. Er hat gern geholfen als ich ihn angesprochen habe, aber ich glaube, dass er ansonsten auch lieber weg geschaut hätte.
    Ich denke, dass liegt daran, dass die Leute keine Verantwortung übernhemen wollen, weil sie dann angreifbar werden!
    Liebe Grüße aus Polen!
    Karin

    Comment: Karin – 18. September 2010 @ 21:28

  4. Danke für die Gedanken dazu.
    Es ist sicher ein Mischung von Faktoren die die Leute hier nicht helfen lassen. Angst davor selber als Täter in Frage zu kommen, Verantwortung zu übernehmen, „Warum gerade ich, könnte ja auch ein anderer tun“.
    Ich glaub aber auch in so theoretischen Sachen wie dem Universalisten vs Partikularinteressierten Kulturkreisen durchaus was damit zu tun hat. Während in Regionen mit universeller Inklusion jeder Mensch den gleichen Wert hat ist es bei den partikular interessierten so, dass es wichtig ist ob ich diese Person kenne oder nicht.
    Den der da lag hat niemand gekannt, damit war keiner verantwortlich, damit lag er da halt weiter.
    Was auch ein wichtiger Punkt ist: Ich glaube manche der Leute hatten schlicht und einfach keine Ahung was sie machen sollten.
    Auch spielt da rein, dass eben viele nur dann was tun, wenn ihnen gesagt wird was zu tun. Das gilt zumindest für neue Sachen.

    Ich muss mir da mal noch ein bisschen Gedanken machen, bin aber auch über jegliche Anregungen dankbar.

    Rapha

    Comment: rapha – 21. September 2010 @ 10:45

  5. einfach großartig deine reaktion rapha . Hier in d. wärst Du ,wenns „Bild“ zu hören bekommt ein Held. Gratuliere , Toni

    Comment: toni – 21. September 2010 @ 20:57

  6. Ich bin sicher kein Held, und darum gehts auch nicht.
    Um die Bild gehts schon mal gar nicht.
    Rapha

    Comment: rapha – 21. September 2010 @ 21:34

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