Die unterschätzten Gefahren

Ruanda gilt als eines der sichersten Reiseländer Afrikas. Es gibt wenige Berichte über gewalttätige Übergriffe auf Touristen und Gäste. Anders als etwa in Südafrika, wo es durchaus vorkommt, dass einen Räuber mit vorgehaltener Waffe um die Reisekasse oder das Mobiltelephon erleichtern. Außerdem sind die Straßenverhältnisse in Ruanda im Vergleich hervorragend. Gerade in den letzten Wochen ist nochmals nachgeteert worden. Das derzeit etwa 1000km lange Netz der geteerten Straßen soll in den nächsten Jahren auf über 3500km ausgebaut werden. Auch das Verkehrsaufkommen in Kigali ist bei weitem nicht mit jenem in Nairobi zu vergleichen. Das geringes Risiko jedoch keinesfalls mit kein Risiko und sicherer nicht mit sicher zu verwechseln ist wird immer wieder klar.

Die Einschätzung von Risiko hat immer etwas mit Erfahrungswerten zu tun. Anfänglich verlässt man sich auf Hinweise anderer, der eigene Erfahrungsschatz ist klein. Meistens hört man dann, wie sicher Ruanda und auch Kigali ist. Natürlich gibt es auch einige Geschichten über überfallene Freiwillige oder dem ein oder anderen der vom Moto gefallen ist. Im Prinzip sind aber alle Geschichten gut ausgegangen. Das ein oder andere Handy ist weg, die ein oder andere Körperstelle blau. Man lernt worauf man achten sollte und wo man nachts besser nicht entlang geht.

Nach und nach werden die Geschichten von eigenen Erfahrungen als Vorsichtsrahmen abgelöst. Schon 100 Mal ist man nachts durch Kigali gelaufen, schon 1000 Mal mit dem Moto durch die Stadt gebraust. Nie ist was passiert. So gefährlich ist es also nicht. Das trügerische daran ist jedoch die Tatsache, dass man dadurch leichtsinnig wird. Oft auch angestachelt, dass man ja eine noch coolere Geschichte zu erzählen hat oder sich mit seinem Heldenmut  vor anderen produzieren kann.

Vor zwei Monaten gibt es zum ersten Mal eine Erinnerung an die Gefährlichkeit Ruandas: Zwei männliche Freiwillige laufen nachts nach ein paar Bier zurück zu ihrem Haus. Es ist ein guter Kilometer. Ein Moto? Ach Quatsch, ein bisschen frische Luft tut gut. Sie beschließen zu laufen. Sie laufen den kürzesten Weg mit einer Abkürzung über einen Hügel, nicht entlang der beleuchteten Straße. Genau an dieser Stelle sind vor mehr als einem Jahr auch schon vier andere Freiwillige ihres Bargeldes und ihrer Mobiltelephone entledigt worden. Das wissen auch die beiden.

Nach wenigen hundert Meter treffen sie auf vier junge Männer. Ein Gerangel beginnt. Einer der beiden liegt am Boden. Der andere prügelt sich. Gebracht hat es nichts: Geld und Handy sind weg, aber immerhin kann man nun seinen Kumpels Heldengeschichten von der großen nächtlichen vier gegen zwei Schlägerei erzählen die man überstanden hat.

Frei nach dem Motto: Dumm wars schon, aber geil!

Es muss erst etwas Schlimmes passieren, bevor man sich auf das Risiko besinnt.

Zwei Freiwillige müssen das Anfang September erleben. Die beiden jungen Frauen sind beinahe seit einem Jahr in Ruanda und beschließen einen Wochenendetrip an den Lake Kivu zu machen. Es gibt eine geführte mehrtägige Tour von Gisenyi nach Kibuye, entlang am traumhaften Ufer mit seinen grünen Halbinseln die aussehen, als hätte ein künstlerisch begabter Riese sie dort abgestellt. Da es ja alles so scheinbar sicher ist, beschließen die beiden die Tour auf eigene Faust ohne Guide, und damit mit geringeren Kosten, zu bestreiten. Abends fragen sie bei einem Haus ob sie in der Nähe ihr Zelt aufschlagen dürfen. So tun sie es dann auch. Jedoch fühlen sie sich von den Anwohnern genervt und verlegen ihren Lagerplatz näher an den Kivusee.

Nachts finden wohl ein paar junge Männer Gefallen an dem vereinzelt herumstehenden Zelt. Ob es da wohl was zu holen gibt? Sie bewerfen es mit Steinen um zu sehen ob sich etwas regt. Sie wagen sich näher heran und wollen schauen was darin ist. Mit einer Machete schlagen sie auf das Zelt ein um die Zeltwand zu öffnen. Hinter dieser liegt allerdings eine der beiden Freiwilligen. Ein Schlag trifft sie am linken Arm und hinterlässt eine große Fleischwunde, ein anderer zertrümmert die rechte Hand. Sie beginnt derart laut zu schreien, dass die Männer die Flucht ergreifen.

Glücklicherweise haben die beiden die Telephonnummer des Mannes, bei welchem sie vorher um einen Lagerplatz gebeten haben und dieser kommt zu Hilfe. Nach langer Fahrt mit einem Polizeiboot kommen die beiden nach Kibuye ins Krankenhaus. Am nächsten Tag geht’s zum Speziallisten nach Kigali. Zum Glück geht es beiden inzwischen körperlich den Umständen entsprechen gut.

Warum sind Menschen die das Risiko eigentlich kennen so blauäugig und schätzen ihre Situation, gerade wenn es um ihre Gesundheit und vielleicht ihr Leben geht, so schlecht ein?

Trotz der scheinbaren Sicherheit gibt es immer noch ein paar Regeln an die man sich halten sollte: Im dunklen keine unbeleuchtete Wege benutzen, im Zweifelsfall mit dem Moto fahren. Wenn es Nacht ist oder man schon ein paar Bier getrunken hat auch mal drei Euro in ein Taxi investieren. Nicht irgendwo zelten wo man niemanden kennt, erst recht nicht an abgelegenen Stellen. Immer ein bisschen auf die Freunde achten, niemanden betrunken alleine nach Hause gehen lassen oder vor einer Disco im Gras liegen lassen, vor allem keine Frau. Und: Beim Moto fahren immer einen Helm tragen.

Das Letztere ist gerade für mich ein wichtiger Punkt: Ich habe die letzten Wochen keinen Helm getragen, ein bisschen Luft ist gut und dann ist es nicht zu heiß. Der eigentliche Grund ist jedoch: Ich bin jetzt schon 17 Monate hier und es ist noch nie etwas passiert.

Ich trage jetzt wieder einen Helm.

Dieser Beitrag wurde am Montag, 13. September 2010 um 16:16 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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8 Comments »

  1. Ja das ist eine gute Idee Rapha! Immer schön brav Helm anziehen. Denn wahrscheinlich passiert es nur einmal, aber dann ist der Unterschied der getragene Helm.

    Comment: Michi – 13. September 2010 @ 22:06

  2. Halte den Artikel für zu hysterisch und oberlehrerhaft.
    Was der Freiwilligen am Kivusee passiert ist ist schlimm, trotzdem halte ich es für übertrieben von der „Gefährlichkeit Ruandas“ zu sprechen. Ich laufe in Kigali auch nach dem „Überfall“ mit wesentlich weniger Bedenken durch die Stadt als ich es in einer deutschen Großstadt tun würde. Der „Überfall“ der damals auf mich als einen der zwei männlichen Freiwilligen verübt wurde hat mich aufgrund seiner Harmlosigkeit und der Tatsache dass die Täter mit einem Minimum an Gewalt vorgegangen sind sogar in dem Glauben bestärkt in Kigali und Ruanda generell äußerst sicher zu sein.

    Comment: Philipp – 14. September 2010 @ 11:50

  3. He Philipp,
    danke für den Kommentar.
    Ich habe in keinster Weise eine deutsche Stadt mit Kigali verglichen. Ich habe mein Gefühl und meine Erfahrung mit den Vorkommnissen verglichen.
    UNd dabei ist mir aufgefallen, dass sicherer eben nicht sicher ist, sondern dass ein Restrisiko immer bleibt. Das es in Kigali geringer ist, als in Deutschland, mag manchmal stimmen, aber es ist trotzdem noch da.
    Das war der aha Effekt den ich in dem Artikel beschreiben wollte.

    Dazu hab ich mich gefragt, warum Leute so ein Risiko eingehen, wenn sie es besser wissen. Da kamen für mich zwei Sachen raus: 1. Verdrängen der Gefahren und 2. durchaus ein bisschen mit coolen Geschichten aufwarten zu können.

    Wenn du mir bessere Erklärungen dafür hast, gerne.

    Gruß

    rapha

    Comment: rapha – 14. September 2010 @ 13:14

  4. Hat das nicht auch immer damit zu tun, dass insbesondere der Kontinent Afrika aber auch Südamerika an sich ein gewisses abenteuerliches oft auch chaotisches Image haftet, dass gerade in der westlichen/deutschen Bevölkerung als sehr sexy erachtet wird.
    Wer von einem Überfall in Ruanda nachts abseits des Weges berichten kann oder bei einer Passkontrolle in Lagos von der Polizei ausgenommen wird, ist sich immer einer großen Zuhörerschar zu Hause gewiss. Eben weil es undenkbar wäre, zum Beispiel in Deutschland irgendwo abseits ausgeraubt zu werden. Und dann wird teilweise groß geprahlt, man hat sich ja auch noch mit den Angreifern geboxt, und der ganze Leichtsinn als heldenhafte Tat verkannt…

    Comment: Julies – 15. September 2010 @ 03:39

  5. Hi Rapha,

    sicherlich geht man immer ein gewisses Risiko ein, auch wenn man Nachts eben nur in Kigali und nicht in Nairobi oder Kapstadt durch die Stadt läuft. Aber dieses Risiko geht man eben immer ein. Auch in deutschen Städten. Die Frage ist doch welches Risiko man bereit ist einzugehen und ab wann es eben nicht mehr akzeptabel ist. Natürlich kann ich „in Angst leben“ und immer das schlechteste vermuten, möchte ich aber nicht. Insofern wehre ich mich gegen die Behauptung das Leute wissentlich ein Risiko eingehen um dann in Deutschland von tollen Räubergeschichten erzählen zu können.

    @ Julies
    Es ist undenkbar in Deutschland ausgeraubt zu werden?
    Es ist nicht

    Comment: Philipp – 15. September 2010 @ 09:39

  6. Internet spielt verrückt – [Es ist nicht]

    Comment: Philipp – 15. September 2010 @ 09:43

  7. In der Tat eine gute Idee wieder den Helm aufzusetzen… Musste das vor zwei Jahren auch am eigenen Leib erfahren wie es ist wenn man umgefahren wird und keinen Helm auf der Melone hat.

    Deutschland ist längst nicht sooo sicher wie ein jeder denkt. Man muss nur die lokalen Tageszeitungen etwas genauer lesen – hier ein Überfall einer Gruppe Jugendliche, dort eine Schlägerei mit Raub, hier ein Einbruch, dort ein Diebstahl… wir können dann eher von Glück sprechen das unser eins noch nichts dergleichen passiert ist.

    Comment: Burki – 15. September 2010 @ 12:08

  8. Stimmt, dass ein Raub oder Diebstahl undedenkbar wäre, entspricht nicht den Tatsachen, das habe ich überspitzt dargestellt. Was ich jedoch darstellen wollte, ist das mit Risiken oftmals leichtsinnig und allzu männlich umgegangen wird.

    Comment: Julies – 15. September 2010 @ 12:22

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