Mumugi ijana na makumyabiri – für 120 in die Stadt

Hinten die jubelnde Menge und der Umusuwisi der „Nyamirambo, Nyamirambo,…“ ruft. So hatte ich mir das vorgestellt. Gute Musik aus den Lautsprechern, immer mal wieder ein kleines Wortgefecht mit einem Kollegen. Fahrgäste die aussteigen, mir auf die Schulter klopfen und mich als einen von ihnen beschreiben. Kinder die mich die ganze Fahrt anstarren oder wahlweise auch zu weinen beginnen wenn sie sehen, dass ihr Busfahrer heute ein wenig anders aussieht.

„Umusuwisi und Umudagi Express“ sollte das Projekt heißen. Claudio und ich wollten für einen Tag ins Kigali Transport-Business einsteigen und das Leben einer Minibus-Besatzung mit Chauffeuri und Conducteuri für einen Tag nachvollziehen.
Der Bus stand schon in meinem Hof, als die Worte des Übersetzers alles zunichte machten:  „Kanyarwanda  a travaillé mauvais“

Jeder nicht so gut betuchte Bewohner, der aber immerhin einer geregelten Arbeit außerhalb seines Viertels nachgeht, kennt sie und nutzt sie täglich. Die Minibusse, in Kenia und Uganda auch Matatu genannt, verbinden die verschiedenen Teile der Stadt; Von Remera nach Nyabugogo, Von Kacyiru über Kimisagara nach Nyamirambo und auch von Nyamirambo in die Stadt. Letztere Linie ist die kultigste, da Nyamiramba auch das kultigste Viertel ist. Oft sind die Busse bunt bemalt und beschallen im Vorbeifahren auch die unzähligen Friseursalons und Modegeschäfte an der Straße. Nyamirambo schläft fast nie. Auch abends ist immer was los. Bars, Kinos und viele Menschen.

Der Plan des „project matatu“ ist schon so alt wie Claudio und ich uns kennen. Eigentlich ist es am Anfang weniger ein Plan als viel mehr ein Traum gewesen, da alles streng reguliert ist im Matatu-Business. Zu Beginn versuchten wir es auf komplett legalem und offiziellem Weg. Dazu muss man einer Transportkooperative beitreten die bei der RURA, der Rwanda Utilities Regulatory Agency, registriert ist und einen Personenbeförderungsführerschein besitzen. Ersteres sollte zu schaffen sein, zweiteres war schlicht nicht möglich. Als wir einen Freund fragten meinte er vielversprechend, dass am nächsten Morgen die Prüfung sei die ein Mal im Monat stattfände, ernüchterte uns aber gleich mit der Aussage, dass man sich dafür Monate im Voraus anmelden müsse.

Damit war der erste Anlauf auch schon gescheitert. Für den zweiten Versuch begenügten wir uns dann damit einen recht hohen Polizeibeamten zu kennen den wir im Falle des Falles anrufen könnten, sollten wir mit einem seiner Kollegen ein Problem bekommen. Letzten Samstag war dann also der Tag für den letzten Versuch, da Claudios Zeit im Ruanda demnächst vorbei ist.

Am Freitagabend nach der Arbeit ging ich also in die Stadt um an einer der Minibus Haltestellen zu versuchen einem der Fahrer unseren Plan zu vermitteln: „Du hast Morgen frei und bekommst ein bisschen Geld, wenn wir deinen Bus bekommen und morgen deinen Job machen dürfen.“ Ich hatte darauf verzichtet diesen Text auf Kinyarwanda zu lernen und darauf vertraut, dass jemand zum übersetzen da ist. Hat auch gut geklappt, denn nach 15 Minuten hatte ich sowohl Gerome, Übersetzer, als auch Pierre, Minibusfahrer der uns seinen Bus leihen wollte. Ich sollte um 19 Uhr wieder kommen, dann würden wir die Übergabe machen. Sofort rief ich Claudio an: „Voll Chool“, meinte der nur.

19 Uhr, wir sind zu zweit und wieder an der Haltestelle. Es ist unglaublich viel los, die Menschen wollen ins Wochenende, vorher aber erstmal nach Hause. Auch Gerome ist wieder da, super. Wer ist nicht da: Pierre. „Er kommt sofort“, mein Gerome nach einem Telefonat mit ihm, „aber er will seinen Bus nicht heute Abend hergeben, sondern Morgen früh.“ Wir wollten das Gefährt schon haben, da wir eine Webcam und einen GPS Empfänger für die Internet Liveübertragung einbauen wollten. Also suchen wir uns einen neuen Bus.

Nach ein paar Versuchen werden wir fündig. Natürlich soll der Bus ein bisschen mehr kosten als der von Pierre, sieht dafür aber cooler aus. Wir einigen uns, lassen die Jungs aber noch ihre letzte Runde nach Nyamirambo fahren und treffen uns danach an einer Tankstelle. Wie alle denen wir von unserem Plan erzählen fangen auch die Tankwarte an breit zu grinsen.

Gerome musste nach Hause und deshalb ist es gut, dass Josef, ein anderer Busfahrer der gerade an der Tankstelle tankt, für uns übersetzen kann. Die Verhandlungssprache ändert sich von Englisch auf Französisch. Die Jungs wollen nun doch 10.000 FRW mehr haben, da sie abends noch eine Auftragsfahrt hätte, die sie wegen uns dann nicht wahrnehmen können. Nach langem diskutieren stimmen wir Preiserhöhung und mündlichen Vertragsbedingungen zu. Bevor es jedoch losgehen kann müssen wir noch zum Boss. Der Boss ist wohl der dem der Bus gehört, ganz klar sind mir die Besitz-, Nutzungs-, und Abrechnungsdeals des Businesses noch nicht. Mittlerweile ist es 21 Uhr.

Der Boss ist an einer Tankstelle in Nyabugogo. Er sieht aus wie ein Boss, allerdings einer der Matatu-Mafia. Mit einem Unterhemd bekleidet, 3-Tage-Bart und ein bisschen schwitzig, siffig. Der Boss schaut uns an, spricht aber nicht mit uns. Irgendwann fängt jemand an den Bus zu betanken. Bald darauf kann es auch los gehen. Der Boss steigt in den Bus ein, durch die Beifahrertür. Claudio jagt im hinteren des Busses kleine Kakerlaken. Ich steige auf den Fahrersitz und starte den Motor.

Ich hab noch nie eine so ausgelutschte Kupplung gesehen, geschweige denn gefahren. Ich konnte den Schaltknüppel in einem 30cm Radius bewegen ohne dass sich der Gang verändert hätte. Anfahren klappt jedoch ganz gut, ab auf die vielbefahrene nächtliche Straße. Es geht den Berg hoch vorbei am Nyabugogo Kleidermarkt direkt Richtung der Kreuzung formally known as die „why go to a bank“-Kreuzung. Ich schalte zurück in den zweiten Gang und fühle mich ein wenig an die Wohnmobilfahrt nach Frankreich 2006 erinnert.

Die Straße auf der Kreuzung geht bergauf, hängt nach links und ist ziemlich viel befahren. Während von oben Autos und unbeleuchtete Motorräder hupend nach unten fahren, drängen von der Straße links wartende Autos in die Kreuzung. Ich bin ein wenig aufgeregt und schalte in den ersten Gang. Ich stehe. In einer Lücke versuche ich auf die andere Straße links abzubiegen. Das Getriebe surrt metallisch und der Gang springt wieder raus. Nochmals rein. Diesmal losgekommen, aber ein bisschen stotternd. Wir sind durch und auf der sandigen Straße Richtung Kinamba, die gerade repariert wird. Nach weniger 100 Metern meint der Boss ich solle anhalten, er fährt weiter. Claudio und ich hoffen, dass er nur über die Baustelle fahren will, der Boss fährt jedoch auch danach weiter.

Wir fahren zu meinem Haus, stellen den Minibus in die Einfahrt. Der Boss gestikuliert, dass wir Josef, unseren Übersetzer von der Tankstelle wieder anrufen sollen. Die beiden Männer sprechen aufgeregt miteinander. Claudio bekommt das Telefon hingehalten und spricht in seinem unverwechselbaren Französisch mit Josef. Er lacht.
„Kanyarwanda  a travaillé mauvais“ , sagt er zu mir. Du hast schlecht gearbeitet.

Der Boss sagt nichts. Für ihn ist die Sache erledigt. Seinen Bus gibt er nicht her. Er startet den Motor, ich winke ihn aus der Einfahrt. Draußen verlangt er dann noch obligatorisch Geld, da er uns ja nach Hause gefahren hat. Claudio und ich winken ab.

Der Abend endet wie das „project matatu“ mit einem unerfüllten Traum.

Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, 17. Juni 2010 um 07:11 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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4 Comments »

  1. Ey, was ein Pech .. es hätte sich ja eigentlich auch Claudio noch versuchen können. Die Schweizer sind ja für Überraschungen gut (wie wir es ja beim CH VS ESP Spiel gesehen haben)!!

    Comment: Henning – 17. Juni 2010 @ 17:38

  2. Was für eine witzige Idee – schade, dass es nicht hingehauen hat… Vielleicht klappts ja mit nem Moto? Sonst alles klar bei dir?
    Liebe Grüße!

    Comment: Linus – 20. Juni 2010 @ 15:02

  3. Ach Gott du Ärmster…der schöne Traum geplatzt, das is ja eine echte Tragödie…schade, als ihr die Idee hattet war ich noch da ( mit Tränen in den Augen und Klos im Hals 😉 )…ihr seid so herrlich verrückt, ein Traum!!!

    Comment: Anne – 22. Juni 2010 @ 19:08

  4. wie toll ist das denn ;D herrlich! na dann noch viel glück mit weiteren anläufen zur verwirklichung des matatu-traums!

    Comment: Betty – 29. Juni 2010 @ 18:57

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