Weltwärts

„Jugend-Landverschleppung im großen Stil“, „staatlich geförderte Jugendfreizeit“ oder gar „Egotrip ins Elend“ versus „Nachwuchsförderung im entwicklungspolitischen
Berufsfeld welche zur Völkerverständigung, Bewusstseinsbildung und Akzeptanz von entwicklungspolitischen Zukunftsfragen in unserer Gesellschaft beiträgt“.

Was will das BMZ mit weltwärts erreichen und wie funktioniert das in der Realität? In welcher Hinsicht profitieren Freiwillige und Partnerorganisationen? Wo werden aber auch Fehler in der Umsetzung gemacht? Aber auch: Was hat es mir gebracht? Was hätte ich besser machen können?

Nach dem ich genau vor einem Jahr aus Deutschland ausgereist bin, will ich mich nun daran wagen diese Fragen zu beantworten. Ein persönlicher Blick zurück.

Die Idee ist eigentlich einfach. Junge Deutsche wollen ins Ausland, um dort zum einen etwas zu erleben und zum anderen um zu helfen. Organisationen, die solche Freiwillige vermitteln, haben öfter Probleme die Finanzierung solcher Programme sicher zu stellen. Der deutschen Entwicklungszusammenarbeit fehlt es an interessierten Nachwuchskräften. Also beschließt die Bundesregierung über das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ein Finanzierungsprogramm aufzulegen um einen Freiwilligendienst unabhängig vom Geldbeutel für mehr junge Menschen zu ermöglichen, die Entsendeorganisationen von den Finanzlücken zu erlösen und gleichzeitig den Nachwuchs für die staatlichen Entwicklungsorganisationen zu interessieren: weltwärts war geboren.
Das Programm wird gut angenommen. 2008 reisen 2.257 junge Deutsche in Entwicklungsländer aus, 2009 sind es schon 3525, übrigens über 60% von ihnen junge Frauen. Auf lange Sicht sollte es bis zu 10.000 weltwärts Plätze geben.

Das BMZ beschreibt das Ziel des Programms in blumigen Worten.  Alle sollen profitieren. Begonnen bei der Aufzählung wird standesgemäß mit dem entwicklungspolitischen Mehrwert. Durch die Freiwilligen soll bei den Partnerorganisationen Hilfe zur Selbsthilfe geleistet werden. Im Ausland sollen die Freiwilligen zur Völkerverständigung und Bewusstseinsbildung beitragen. Großspurig wird von der Verstärkung der Akzeptanz entwicklungspolitischer Zukunftsfragen gesprochen.
Auch für die Freiwilligen soll dabei was rum kommen: Ihre interkulturelle Kommunikation, sowie ihre Erfahrung in der sozio-kulturellen Kooperation soll zusammen mit sozialer Verantwortung gestärkt und ausgebildet werden. Dies sind nebenbei auch genau die Punkte die sich jeder gerne in den Lebenslauf schreibt um bei einem Vorstellungsgespräch zu punkten.

Die Freiwilligen von denen hier immer wieder gesprochen wird sind übrigens nicht irgendwelche junge Menschen, sondern meist zwischen 18 und 20 Jahre alt, haben 2009 ihr Abitur gemacht und wie manche Berichte illustrieren haben sie “keinen Ideologischen Überbau“. Sie sind eine Generation, die sich laut der Shell Jugendstudie „in der Mitte zusammenkuschelt“. Sie wollen pragmatisch zu helfen und vor allem auch selbst davon zu profitieren. „Ansprüche nicht aufgeben, aber realistisch bleiben“, nennt das eine der portraitierten weltwaerts-lerinnen in dem schon zitierten, zugegebenermaßen schon älteren, Artikel in der Zeit.

Jedoch ist dies alles Theorie. Wie sehe ich das denn in der Praxis?

Die Freiwilligen
Anders als die Theoriebeschreibung des BMZ will ich mit den Freiwilligen selbst Anfangen.
Sie sind natürlich viel heterogener, als das die Theorie sagt. Na klar gibt es opportunistische CV Junkies, die hier sind um mal groß Punkten zu können, dass sie in Afrika die Armut bekämpft haben; übrigens auch gerne bei Freunden oder Bekannten.  Es gibt aber auch linke oder linksfundamentale, die das alles wegen den kleinen schwarzen Kindern machen, die sie natürlich nie so nennen würden und später mit dem gleichen Argument wie die CV Junkies angeben wollen.
Die meisten Freiwilligen sind aber eher dazwischen. Sie wollen Gutes tun, für sich und andere. Sie haben eine politische Richtung, sehen aber auch Entwicklungen darin kritisch. Sie sind zumindest am Anfang ganz sicher was sie hier machen wollen, merken aber meist schnell, dass es so nicht funktioniert. Einige geben sogar zu, dass sie es sich anders vorgestellt haben.

Unter bestimmten Voraussetzungen profitieren die meisten von ihrem Freiwilligendienst. Ich würde das mal unter Lebenserfahrung im schnelldurchlauf nennen. Viele wohnen zum ersten Mal nicht mehr bei ihren Eltern. Viele wohnen zum ersten Mal in einer Wohngemeinschaft mit Gleichaltrigen. Viele müssen zum ersten Mal selbst einkaufen. Viele sind zum ersten Mal in einem Arbeitsverhältnis. Bei vielen hab ich auch den Eindruck, dass sie zumindest nach außen hin zum ersten Mal mit relativ begrenzten Geldmitteln umgehen müssen.
Das alles geschieht nicht nur zum ersten Mal, sondern auch verschärft. Gleich tausende Kilometer weg von den Eltern in einem Haus ohne Kühlschrank mit Mitbewohnern die die gleiche Erfahrung mit dem Einkaufen auf dem Markt auf einer fremden Sprache haben. Dazu kommt, dass die Dinge die man in Deutschland so mit 19 macht um sich zu entspannen um einiges teurer sind, was es noch schwieriger macht.

Damit diese Erfahrung nicht dazu führt, dass die Freiwilligen von so viel Neuem überfordert sind und davon erschlagen werden, bedarf es einer guten Betreuung. Das heißt für mich, den Freiwilligen von Anfang an, also bei Auswahl, Vorbereitung und Ankommen im Land,  klar zu machen auf was sie sich einlassen. Ich meine damit keine Panikmache, aber eine realistische Einschätzung der Situation und eine detailierte Beschreibung der Aufgabenstellungen. Klar ist, dass dies auch natürlich vorher klar sein muss. Dazu kommt den Freiwilligen ein Umfeld zu schaffen welches gegenüber der Entsendeorganisation, egal ob im In- oder Ausland, ein Vertrauensverhältnis schafft. Dazu müssen den Freiwilligen realistische Versprechen gemacht werden, was sie an Hilfe erwarten können und was die Organisation an Unterstützung leisten kann. Sie müssen als erwachsene Menschen ernst genommen werden und auch so behandelt werden.
Bei mir persönlich hat das gut funktioniert. Ich wusste auf was ich mich einlasse. Von Anfang an war klar, dass ich alles was ich hier mache selber organisieren muss. Lediglich Träger, Ort und Zeit waren klar.
Manche der oben genannten Punkte haben aber meiner Einschätzung nach beim DED hier in Ruanda nicht funktioniert. Ich glaube, dass dies einem Großteil der Freiwilligen hier einen großen Teil des persönlichen Entwicklungspotenzials genommen hat.
Durch die Enttäuschung haben auch einige Freiwillige ihre Ambitionen so heruntergeschraubt, dass ich den Eindruck habe, dass die letzten Monate jetzt noch abgesessen oder abgefeiert werden.
Schade.

Unter den richtigen Voraussetzungen ist es aber, wie schon gesagt, eine gute Sache für die Freiwilligen.

Die Partnerorganisationen
Die Freiwilligen arbeiten in den Entwicklungsländern bei Partnerorganisationen. Weltwärts  geht davon aus, dass die Organisationen einen ausdrücklichen Bedarf anmelden, klare Ziele und einen Zeitrahmen benennen, sowie für Einarbeitung, Beschäftigung und Betreuung sorgen. Außerdem darf von einem Freiwilligen keine reguläre Arbeitskraft ersetzt werden.
An diese Vorgaben halten sich aber meines Erachtens nicht viele. Gerade die Explosion der Entsendungen in den letzen beiden Jahren hat es praktisch unmöglich gemacht, die Stellen richtig zu definieren, viele Eventualitäten abzuklären und nach der Qualität statt nach der Quantität von Stellen Ausschau zu halten. Allein hier in Ruanda hat sich die Zahl der Stellen von etwa 15 vor einem Jahr, auf mindestens 45 heute verdreifacht. Ein Großteil der Stellen ist beim Deutschen Entwicklungsdienst (DED) als Entsendeorganisation angesiedelt.
Ansonsten profitieren die Partnerorganisationen von der kostenlosen Arbeitskraft und zusätzlicher Einnahmen durch Vermietungen von Häusern und Geldern aus flankierenden Kleinprojekten. Manche sparen dazu noch bares Geld, da natürlich, anders als vorgesehen, Arbeitskräfte ersetzt werden.

Die Menschen vor Ort
Natürlich baut ein Freiwilliger keinen Brunnen, heilt Krankheiten oder bringt viel Geld für wichtige Projekte, aber dennoch leistet er einen Beitrag. Damit meine ich zum einen die tatsächliche greifbare Hilfe, zum anderen einen Ansatz in der Veränderung des Denkens der Menschen. Direkte Hilfe ist vor allem beim Spracherwerb, hier vor allem Englisch, oder der Organisation zu sehen. Hier passiert wirklich was. Selbst wenn die Freiwilligen keine ausgebildeten Lehrer sind, so können sie durch ihre eigene Schulerfahrung und die damit verbundenen pädagogischen Kenntnisse einiges bewegen.
Zum Anderen beginnt sich das Bild der Weißen bei den Menschen in Ruanda zu ändern. Seit 100 Jahren kennen die Menschen hier nur weiße Priester und weiße Entwicklungshelfer. Was beiden gemein ist, ist ihre vermeintliche Überlegenheit. Sie haben studiert, kennen sich in ihrem Fachgebiet aus und meist auch noch darüber hinaus. Praktisch immer arbeiten sie in leitenden Positionen.  Die Schwächen und Fehler sind eher weniger zu sehen.
Freiwillige können auch viel. Haben das deutsche Bildungssystem genossen und zeigen Engagement. Aber sie können nicht alles. Sie sind keine Experten. Und sie haben nicht so viel Geld, welches sich sonst gerne an einem großen Weißen Jeep und unglaublicher Eile zeigt.
Dies wirkt dem Gedanken entgegen, dass Weiße Ausländer einfach „besser“ sind. Ein Gedanke, der hier durchaus verbreitet ist. Meiner Meinung nach macht diese Grundlage ein Zusammenarbeiten auf Augenhöhe nahezu unmöglich.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit
Ich bin ein gutes Beispiel, dass es funktionieren kann. Ich habe durch meine Arbeit hier in Ruanda, zumindest zeitweilig, einen Platz in der EZ gefunden. Allerdings bin ich, wie oben beschrieben, nicht die typische weltwärts-Zielgruppe. Von dieser hat die deutsche Entwicklungszusammenarbeit keinen Applaus zu erwarten. Zu groß ist der Graben zwischen den Freiwilligen und den Entwicklungshelfern. Sowohl finanziell, also auch von der Lebensweise und der Selbstverständlichkeit leben beide Gruppen in einer anderen, eigenen Welt. Nur um eine Ahnung zu bekommen: Das Gehalt eines deutschen Entwicklungshelfers (inklusive Zusatzleistungen wie Auto und Haus) liegt mindestens 10 Mal so hoch wie das Geld mit dem ein Freiwilliger hier auskommen soll, es kann aber auch bis zu 50 Mal so hoch liegen. Natürlich ist auch die inhaltliche Ausrichtung der Arbeit mancher in der Entwicklungszusammenarbeit tätiger mit dem Horizont und dem Einblick eines Freiwilligen schwer zu verstehen.
Daher verwundert auch  nicht, dass der Ruf der deutschen Entwicklungszusammenarbeit unter den Freiwilligen eher noch schlechter ist, als im Durchschnitt in Deutschland.

Und isses gut?
Ein ganz klares „Joa, wenn…“, kann ich da nur entgegnen.

… die Umsetzung richtig gemacht wird.
Die Freiwilligen müssen gut ausgewählt und vor allem gut betreut werden. Die Aufgaben und Arbeitsstellen müssen geeignet sein und von Menschen betreut werden die verstehen um was es geht.

… von den Machern des Programms klargestellt wird, dass es hier nicht um entwicklungspolitische Impulse, sondern um Erfahrungsgenerierung für junge Deutsche geht.
Der Output der meisten Stellen der Freiwilligen ist eher gering. Oft könnten auch einheimische Kräfte die Arbeit besser erledigen. Die Erfahrung die Freiwillige hier machen können ist aber unbezahlbar.

… die Freiwilligen ihre Sache ernst nehmen.
Auch die Freiwilligen müssen was für das Gelingen des Programms tun. Sie müssen sich in manchen Bereichen zurück nehmen, sie müssen bereit sein auf Dinge zu verzichten, sie müssen aber auch viele Rückschläge ertragen und es immer wieder versuchen. Wer nichts lernen will, lernt auch nichts. Gerade in einer Freiwilligen-Community wie es sie in Ruanda gibt ist es einfach zu motzen. Das ist auch gut, jedoch muss nach dem motzen die Aktion kommen. Und wenn es beim ersten Mal nicht klappt, dann eben beim zweiten, dritten oder vierten Mal. Ich bin erstaunt, wie viel sich Freiwillige hier von Partnerorganisationen und ihrem Umfeld hier gefallen lassen. In manchen Fällen hat es mich auch erschreckt.

Und bei mir so?

Für mich war weltwärts die Chance ein Jahr ins Ausland zu gehen und zu schauen was ich will. Zu sehen was ich kann. Inwieweit es mir möglich ist in einem anderen Umfeld zu leben.
Die Frage war ob ich das durchziehen kann was ich mir vorgenommen habe. Ob ich es durchhalte.

Ich würde sagen das hat geklappt. Zumindest im Großen und Ganzen.
Natürlich spreche ich immer noch nicht Französisch und mit den 200 Euro im Monat bin ich auch nicht immer zu Rande gekommen. Aber nach diesem Jahr glaube ich Dinge in Deutschland aus anderen Augen zu sehen. Ich hatte die Chance viele Dinge zu lernen, viele Menschen kennen zu lernen. Ich habe Erfahrungen gemacht, gute wie schlechte.

Danke Weltwärts.

Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 08. Juni 2010 um 17:46 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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11 Kommentare »

  1. Hey Rapha,
    Daumen hoch, würde ich unterschreiben! Super Artikel!
    Ich hoffe, dir gehts gut, aber danach klingt es eigentlich auch.
    Mali und Amelie wirst du ja dann im Sommer sicherlich nochmal sehen…wär gern dabei, aber ein Wiedersehen in Kigali ist für mich dieses Jahr leider nicht mehr drin.
    Ich wünsch dir noch alles Gute, vor allem Gesundheit und viel Elan.
    Also Chance! From the heart of a rastafarai! :P

    Comment: Betty – 08. Juni 2010 @ 18:26

  2. super artikel!!

    kann ich den weiterleiten?!

    bin grad wieder in muc.. und hatte zwei vorstellungsgespräche.. lass bald mal wieder quatschen.. immer gerne über interessante ez geschichten .. zb brasilien..

    schönen abend
    m

    Comment: martin formerly known from HD – 08. Juni 2010 @ 21:19

  3. schöner überblick und vor allem ein guter kritischer aber auch konstruktiver artikel. wenn ich bei twitter andere follower als du hätte würd ichs glatt #retweeten :-)

    Comment: dr. th – 08. Juni 2010 @ 22:37

  4. Hey du!
    Hab dir ja schon gesagt, dass ich den Artikel mag. Hast das Phänomen weltwärts schön von mehreren Seiten beleuchtet. Und wie so vieles ists in der Theorie toll, in der Praxis hakts aber leider an vielen Stellen… Aber hat mir natürlich auch 7 erfahrungsreiche Monate Namibia beschert, die nicht missen möchte. Schwierige Diskussion, an die man von vielen verschiedenen Seiten herangehn kann…
    Nen lieben Gruß nach Kigali!

    Comment: Evi – 09. Juni 2010 @ 19:40

  5. Herzlichen Glückwunsch zu einem gelungenen Artikel über weltwärts. Auch wenn ich nicht in Ruanda bin, so kann ich deine Eindrücke aus Ruanda zumindest nach meinen Erfahrungen hier in Brasilien nur bestätigen. Ich habe einige Jugendliche kennen gelernt, für die weltwärts eine super Sache ist, ich selbst bin einer davon, denn ohne hätte ich wohl kaum Chancen mein Projekt durchzuführen.
    Und dennoch, die Mehrheit der Jugendlichen auch hier ist relativ allein. Die bestehenden Partnerschaften zwischen deutschen und brasilianischen Organisationen werden reihenweise (aus)genutzt, um Stellen für deutsche Jugendliche aus dem Boden zu stampfen, wo eigentlich kein Bedarf herscht. Oftmals geschieht dies aus dem Druck der Deutschen heraus, denn es macht sich ja gut, wenn man einen deutschen Jugendlichen nach Brasilien entsenden kann.
    Aber ich sehe auch Hoffnungsschimmer für die Zukunft. Zumindest hier im Nordosten Brasiliens hat der DED nun extra Stellen eingerichtet, die sich ausschließlich mit der Betreuung von deutschen Jugendlichen hier befassen sollen. Gleichzeitig sind die weltwärts-Mittel gekürzt worden. Es scheint also als würde zukünftig irgendwann einmal die Qualität mehr Gewicht gegenüber der Quantität gewinnen können. Den zukünftigen Freiwilligen wünsche ich das jedenfalls, denn niemand verdient es mit einer tollen Idee, mit einer großen Motivation in einem fremden Land ankommen zu müssen, um dann dort festzustellen, dass er eigentlich überflüssig, teilweise ja sogar ungewünscht ist…
    Rapha, nochmals herzlichen Glückwunsch zu einem wirklich gelungenen Artikel!

    Comment: Christoph Klose – 17. Juni 2010 @ 13:22

  6. Rapha, deine Artikel sind oft wie ein gutes Referat in der Schule.
    Auf der einen Seite schreibst du mit viel Wissen zu allgemeinen Themen durch deine Erfahrung oder Recherche , auf der anderen Seite bereicherst du dies aber auch noch durch deine subjektiven Eindruecke.
    Ich kenne sonst keinen Freiwiligen-Blog, der es schafft auch den ersten Bereich abzudecken.
    Ich denke, das ist es, was deinen Blog fuer so viele Menschen in Deustchland interessant macht.

    Aber nicht nur fuer die, auch fuer Menschen wie mich, die selbst als Freiwilliger in Ruanda sind. Du bringst erlebten Gefuehle und Erfahrungen in Worte und schaffst es, Themen von verschiedenen Seiten zu beleuchten und ueber diese mit Struktur zu berichten.
    Da ich selber blogge, weiss ich, wie viel Zeit das kostet und mit wie viel Arbeitsaufwand, ein Artikel wie dieser oder der ueber die Genozidwoche, verbunden ist.

    Da ich wenig Austausch mit anderen Freiwilligen hier vor Ort habe, und auch hier draussen auf dem Dorf nicht viel von Tagespolitik und dem, was Kigali bewegt, mitbekomme, bin ich dir fuer deinen informativen Blog sehr dankbar.
    Das mal vorneweg.

    Bezugnehmend auf deinen Artikel:.

    Ich denke, der Erfolg haengt neben einem selbst auch ganz entscheidend von der Arbeit der Entsendeorganisation ab. Ich bin ueber Sofia,eine kleine Entsendeorganisation des Bistums Trier, hier. Fuer uns wurde sich in der Vorbereitung sehr viel Zeit genommen, weit ueber Auswahlwochenende und 10-taetiges Vorbereitunsseminar, welches von weltwaerts vorgeschrieben ist, hinnaus.

    Falsche Erwartungen, insbesondere die Motivation des „Helfens“, konnten so schon im Vorfeld erkannt und korrigiert werden, jedenfalls insofern das in Deutschland im Vorfeld in der Theorie moeglich war. Wir wurden auf einen sozialen Lerndienst und nicht auf einen Entwicklungsdienst vorbereitet. Ich denke, diese Klarheit ueber den eigenen Dienst ist ein wichtiger Punkt.

    Dass ich kein Entwicklungshelfer bin, musste ich mir, trotz besseren Wissens aus der Vorbereitung, mir zwar hier, in einem langen, schwierigen Prozess nochmal klar machen, doch sehe ich mittlerweile auch die grosse Chance, die ich als einfacher Freiwilliger habe, der nicht unter dem Druck steht „Entwicklung“ nach Ruanda zu bringen. Natuerlich habe ich eine regulaere, „greifbare“ Arbeit, doch die ist nach meinem Verstaendniss und nach dem meiner Bezugspersonen, den Priestern, mit denen ich zusammenlebe, nicht das wichtigste meines Dienstes.
    Viel wichtiger ist es mir, hier gemeinsam ein Jahr mit den Menschen zu verbringen. Ihnen zuzuhoeren und ihr leben kennen zu lernen. Ein Teil davon zu werden.
    Das ist es, wozu ich die Chance bekomme.Denn das ist es auch was ich kann. Das ist es wofuer ich die Zeit und auch die Motivation mitbringe. Denn ich bin nunmal Freiwilliger und gerade kein Entwicklungshelfer.
    Ich bin so langsam an dem Ende meines Freiwilligendienstes angelangt, ich bin gluecklich, habe viele, nicht immer einfache oder angenehme, Erfahrungen gemacht, die mich letztendlich aber alle sehr bereichert haben, habe mich gut in das Leben eingelebt, viele Freundschaften geschlossen,und ein Land kennen gelernt, dass mir anfangs so fremd, so anders erschien, und dass mir mit der Zeit immer vertraueter, ja zu einer Heimat wurde.
    So kann ich wohl meinen Weltwaerts-Dienst auch als erfolgreich werten.

    Doch das liegt neben mir selbst und der Unterstuetzung der Menschen in Ruanda um mich herrum, doch auch zu einem grossen Teil an der Entsendeorganisation, die mir gerade diese Freiwilligenstelle ermoeglicht hat.

    Denn viele Freiwillige bekommen auch nicht annaehrend solch eine Chance, wie ich sie habe.
    Meine Frewilligenstelle ist auf einer Freundschaft zwischen einer deutschen und einer ruandischen Gemeinede begruendet. Dieser persoenliche auch schon im Vorfeld bestehende Kontakt ist warscheinlich im Freiwilligendienstellenbusiness mittlerweile schon eher die Ausnahme, in Zeiten in denen –dank weltwaerts- Traegerorganisationen wie Pilze aus dem Boden spriessen. Aber aus meiner Sicht macht ein Freiwilligendienst nur Sinn, wenn in eine Idetifikation zwischen Freiwilligem und Projektstelle stattfindet. Und wenn du in deinem Blog den DED schon namentlich ansprichst, so kann ich sagen, dass gerade bei vielen DED-Freiwilligen, wenig Identifikation mit dem Projekt stattfindet. Das liegt nicht nur an den Freiwilligen sondern auch stark an denen, ihnen zugewiesenen ungeeigntene Projektstellen. Klar, wenn man 30 Freiwilligenplaetze im Land haben moechte, so koennen die Projektstellen nicht handverlesen sein.

    Ich erlebe viele Freiwillige, nicht nur von oben genannter Organisation, bei denen wenig Identifikation mit Projektstelle oder dem Gastland stattfindet. Die entweder gemeinsam in der Hauptstadt wohnen oder zumindest am Wochenende zum partymachen herkommen. Die dadurch wenig vom Land mitbekommen.
    Die frustriert sind, weil es im Projekt nicht laueft und sich gegenseitig runterziehen.
    Die vor Ort schlecht betreut sind. So kann ein Freiwilligendienst nicht fuktionieren.
    So ist es kein Lerndienst und ein „Entwicklungshilfedienst“ noch viel weniger

    Meine Kritk an Weltwaerts ist, dass es aus der Arbeit der Traegerorganisationen ein profitables Geschaeft gemacht hat, an dem die verschiedensten Organisationen mit den unterschiedlichsten Motivationen nun partizipieren wollen. Mehr zur Verfuegnung gestellete Projektstellen bedeutet auch mehr Geld fuer die Organisationen, was daher hauefig auch schlechte Projektstellen und schlechte Betreuung durch die Entsendeorganisationen zur Folge hat, da diese sich ploetzlich um viel mehr Freiwillige kuemmern muessen.
    Quantitaet geht auf Dauer immer zu Lasten von Qualitaet, mir laueft ein Schauer ueber den Ruecken wenn ich von dem gesteckten Ziel von 10.000 Freiwilligen hoere, und da bei an die vielen frustrieten, schlecht betreuten Freiwilligen denke, die ich bisher schon persoenlich kennen gelernt habe oder von denen ich im Internet Erfahrungsberichte lesen konnte.

    Wenn jede einzelne Stelle auf ihre Art besonders ist, einmalig, gut betreut, einfach stimmig, kann damit auch dem Fakt entgegengewirkt werden, dass viele Stellen nun eben nicht arbeitsmarkt neutral sind.
    Erst vor ein paar Tagen haben wir beide ja einen Freiwilligen kennengelernt, der vollkommen die Motiavtion an seiner Arbeit verlorern hatte, und den Sinn seines Dienstes in Frage stellte, da er die qualifizierte Lehrerin kennengelernt hatte, der er, als unqualifizierter aber kostenloser Freiwilliger, den Arbeitsplatz weggenommen hatte, wie sich herrausstellte.

    Spaetestens hier, wenn dies keine Ausnahme war, wird das Weltwaerts-Programm fuer mich mehr als fragwuerdig. Wenn Freiwillige, erst nach ihrem Dienst, von ihren im Gastland erworbenen „social skills“ profitieren, und damit letztendlich Deutschland von der Weiterqualifikation seiner Staatsbuerger profitiert, waehrend den Staatsangehoerigen des Gastlandes, in diesem Fall besagter Lehrerin, ein Nachteil entsteht, welcher sich im Endeffekt als Nachteil fuer diesen Staat erweist, dann ist solch ein Freiwilligendienst genauso „Dead Aid“ wie viele andere Konzepte in den Versuchen von Entwicklungspolitik.

    Comment: Simon – 20. Juni 2010 @ 19:37

  7. [...] Weltwaerts-Freiwilligen, der mittlerweile fuer die GTZ in Kigali arbeitet, bin ich auf einen interessanten Artikel ueber das Weltwaertsprogramm gestossen, das er rueckblickend auf die Erfahrungen seines Jahres von verschiedenen Seiten [...]

    Pingback: Friede, Freude, Eierkuchen? – Das Weltwaertsprogramm « Ein Jahr in…Matimba! – 20. Juni 2010 @ 20:10

  8. Hallo Simon, liebe Leser,

    danke erstmal für das Bauchpinseln am Anfang.
    Danke auch für den Kommentar und den Artikel. Die meisten Punkte würde ich so mittragen,auch wenn ich sie nicht so beschreibenkönnte.

    Ich würde dir gerne in einem Punkt wiedersprechen: das die Freiwilligen sich in der Hauptstadt treffen und dort Party machen heißt für mich nicht, dass sie nichts vom Land mitbekommen, es heißt, dass sie etwas anderes von dem Land mitbekommen. Dies kann auch eine Möglichkeit sich gegenseitig hoch zu ziehen, nicht nur eine zum runterziehen. Die schlechte sonstige Betreuung ist der Punkt.

    Das mit dem Tansania Freiwilligen hat mich auch echt nachdenklich gemacht.
    Rapha

    Comment: rapha – 21. Juni 2010 @ 07:53

  9. [...] Rapha in Ruanda kein Freiwilliger meiner Generation ein ehemaliger SoFiA Freiwilliger, den ich persönlich nicht kenne, der in seinem Artikel aber sehr gut beschreibt wo vor und nach Teile sind und wie er zu weltwärts kam. [...]

    Pingback: Blick hinter die Kulissen « 12 Monate Maronitische Gemeinde Latakia – 05. Juli 2010 @ 23:23

  10. [...] dabei noch wichtig ist, hatte ich Rahmen meines Rapha in Ruanda Blogs als Meinungsäußerung zum Weltwärtsprogramm [...]

    Pingback: Ehrenamt und Freiwilligendienst bei ZDF Login | RaphaBreyer – 07. Dezember 2013 @ 14:00

  11. [...] Bewertung zum Thema Weltwärts habe ich auf rapha-in-ruanda.de vor ein paar Jahren schon [...]

    Pingback: Präventive Aufregung | RaphaBreyer – 10. Januar 2014 @ 10:32

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