Einmal Ruli und zurück, Episoden aus fünf Wochen Medizin am Ende der Welt

Dienstag Mittag, Kigali Nyabugogo: „wenn du da bist, musst du dich einfach nach Ruli durchfragen…wenn der Bus voll ist tingelt der dann so langsam los und… eh ja es wird spannend.“ So oder so ähnlich klang Evas Wegbeschreibung zum besten Distriktkrankenhaus Ruandas. So sitze ich dann auch ziemlich eingeschüchtert als einzige Muzungo im kleinen Matatu und frage mich: „hmmm Mist, hat Helmut nicht gesagt die sprechen hier alle französisch?“ Irgendwie doch nicht.

Ich vergewissere mich zehnmal ob ich jetzt auch ja im richtigen Bus sitze und nach gefühlten drei Milliarden Stunden fährt die Kiste dann auch mal endlich los. Am Stadtrand von Kigali biegen wir scharf links auf eine holprige Sandpiste ab. Es ruckelt, ist schrecklich laut und eng und stinkt unfassbar nach Benzin. Ab jetzt, und das weiß ich zu diesem Zeitpunkt Gott sei Dank noch nicht, wird’s nur noch schlimmer: holpriger, lauter, enger und es stinkt mit zunehmender Fahrtdauer noch nach viel mehr als Benzin. 35 Kilometer, zwei Stunden und 30 Minuten später, komme ich im mittlerweile stockdunklen Ruli an. Total fertig aber glücklich, die erste Hürde ist genommen.

In den kommenden Wochen lernen wir einiges über ruandische Medizin, Ärzte und Traditionen. Wir versuchen zu vergleichen, wie läufts hier, was ist bei uns anders, was stört uns, was finden wir hier vll besser als zuhause. Ich bin wie immer schnell am kritisieren, aber ist das auch berechtigt, oder versteh ich das nur einfach nicht hier? Wir werden herzlich aufgenommen, alle Schwestern und Pfleger sind unglaublich freundlich und wir werden behandelt wie alte Bekannte. Eindeutig ein Pluspunkt, wo in Deutschland der Zugang zu den Schwestern doch immer viel Kuchen und diplomatisches Geschick erfordert. Unsere fünf Ärzte sind ebenfalls freundlich, aber die Zusammenarbeit ist oft schwierig und schleppend, weil der Tagesablauf eines Arztes hier überhaupt nicht dem entspricht, was wir uns so vorstellen: Gut die Frühbesprechung wird ja bekanntermaßen allgemein überschätzt und ob man da jetzt als Arzt da ist, oder doch noch lieber bisschen länger schläft? So what! Wenn die Ärzte dann eintrudeln wird mal so langsam die Visite gestartet. Auch hier beschränkt man sich auf das Wesentliche und Stethoskope? Ach alles Kitteldeko!

Auch die nervigen Begrüßungsfloskeln beim Betreten eines Patientenzimmers fallen häufig dem „Zeitmangel“ zum Opfer. Im Anschluss an die Visite wird nach einer kleinen Fantapause bei Jean Marie in der Kantine wahlweise mit der Sprechstunde oder den Ops begonnen. Gegen Mittag geht’s dann zum Essen und einer kleinen Siesta nach Hause…Diese Phase des Tages kann sich auch schon mal ein paar Stunden in die Länge ziehen und wenn die Konsultation schon beendet ist, gut, was will ich denn dann als Arzt noch bei den Kranken?

Alles ein bisschen schwierig für uns und wir brauchen unsere Zeit bis wir wissen, wo man welchen Arzt zu welcher Zeit suchen oder zumindest vermuten kann. Trotz allem ist das Wissen der Ärzte hier breit gefächert, Sie müssen in der Lage sein Entscheidungen mithilfe einfacher diagnostischer Möglichkeiten zu treffen und kommen häufig an Grenzen, die von mangelndem Geld und fehlenden Ressourcen festgelegt werden. Auch wir kommen an unsere Grenzen. Die Verständigung mit der ruandischen Landbevölkerung ist schwierig, fast niemand spricht nur ein Wort französisch, sodass eine normale ärztliche Gesrächsführung zur Unmöglichkeit wird. Vor allem in der Geburtshilfe erleben wir häufig Situationen, die uns fordern, aber manchmal auch überfordern. Die Geburten laufen hier viel grober ab und die Hebammen zeigen wenig Mitgefühl für die Ängste ihrer Patientinnen. Für mich ein Riesenproblem. Aber es gibt auch lustige Momente hier: Die vielen Frauen, die auf ihre Geburt warten und sich herzlich über unsere kümmerlichen Kinyawanda Bemühungen lustig machen, oder mich total auslachen, als ich mich freue, weil ich endlich die Herztöne eines Babys gut hören konnte. Einfach herrlich.

Es bleibt viel Gutes hängen, ich fahre mit einem Koffer voller spannender Eindrücke und in Erinnerung an viele Menschen, denen ich hier begegnet bin nach Hause und hoffe, dass es nicht für allzu lange sein wird.

Dieser Beitrag wurde am Samstag, 10. April 2010 um 07:25 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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5 Comments »

  1. Liebe ANNE,

    deine Ironie in Ehren, (auch wenn ich als Journalistin die Erfahrung gemacht habe, dass einen die Hälfte der Leser eh falsch versteht 🙂
    Ich hoffe, du bist ohne all zu großen Kulturschock zu Hause angekommen… wir vermissen EUCH!
    Und DANKE für deine Hilfe bei meiner Passpanne, für das Wasser, das du mit mir geteilt hast und die wenigen, aber lustigen Momente, die wir hier zusammen verbracht haben..

    Comment: Ariane – 10. April 2010 @ 07:51

  2. liebe Ariane, hmmm ja das mit der Ironie ist immer so eine Sache, ich hoffe es hat jeder gemerkt 😉 Wir hatten wirklich eine grandiose Zeit bei euch und sind auch ein bisschen traurig schon wieder weg zu sein…falls du mal Schokolade für den Notfall brauchst, schick mir eine Adresse, dann versorgen wir dich;-) liebste Grüße aus der Pfalz, Anne

    Comment: Anne – 10. April 2010 @ 21:29

  3. Finde den Beitrag sehr anschaulich und realitätsnah. Gerade die feine Ironie lässt hinter die Oberfläche blicken.
    Rapha, was ist das „Postkartenprojekt“? Wer soll Karten versenden und wohin?
    Fahrrad Taxifahrt ist spitzenmäßig.
    Roland

    Comment: Roland B. – 11. April 2010 @ 09:49

  4. Hallo Roland,

    sorry ich hab deinen Kommentar erst grad gesehen.

    Das Postkartenprojekt ist, dass ich versuchen will, in einem Jahr Postkarten aus 50 Städten in 10 Ländern hier nach Ruanda zu bekommen. Es fehlen aber noch 12. Also es gibt noch die Chance, dass du dich beteiligst…

    Gruß

    rapha

    Comment: rapha – 15. April 2010 @ 16:20

  5. Hast du schon eine aus der Schweiz? Damit können wir dienen. Liebste Grüße vom See;-) hmmm übrigens in Rheungeri ist das Internet schneller als hier;.) Heul

    Comment: Anne – 16. April 2010 @ 20:00

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