Genozid Remembrance Day – Gedanken und die Presse

Jedes Jahr ab dem 07. April wird in Ruanda für eine Woche den Opfern des Genozids von 1994 gedacht. Zum 16. Jahrestag finden dabei Gedenkmärsche und Veranstaltungen statt.

Es war das einschneidende Erlebnis in der ruandischen Geschichte und ist bis heute das Damoklesschwert welches über allem schwebt. Für die Ruander stellt der Genozid ein Angstgebilde dar und bestimmt maßgeblich ihr Verhalten. Es ist die Karte die, wenn sie gespielt wird, keine weitere Diskussion zulässt. Kritik und eigene Meinung werden damit unmöglich. Niemand will sich unterstellen lassen, dass in irgendeiner Weise zu verharmlosen oder auch nur ein Hauch von Verständnis dafür zu empfinden wie hier vor 16 Jahre systematisch 800.000 Menschen regelrecht geschlachtet wurden.

Solange dies jedoch als finales Argument benutzt wird, kann eine echte Aufarbeitung nicht stattfinden.
Es ist schwierig als nicht-Ruander über so etwas zu schreiben. Autoren wie Christopher Vourlias beschreiben, dass man sich immer dazu genötigt fühlt, sich auf eine Seite des Konflikts zu stellen.  Dabei meint er nicht, dass es möglich ist den Genozid gut zu heißen, aber durchaus die Situation nicht alle Hutu pauschal zu Tätern der letzten 20 Jahren und nicht alle Tutsi zu opfern zu erklären.
Hierbei stimme ich ihm zu.

Die Versuchung ist da, wenn man die teilweise sehr einseitige Berichterstattung der englischsprachigen, und teilweise auch der deutschen Medien, sieht. Wenn sie nicht gerade in eins zu eins Kopien der ruandischen Regierungsmeinung übernehmen (wie Dominic Johnson in seinem Kommentar „Erneut die Etno-Karte gezückt„)  kommen sie meistens nicht über die Äußerung eines diffusen Unwohlseins hinaus (etwa David Haag „Normalität zwischen Exposionen„) . Die Lage scheint zu kompliziert um sie ganz zu verstehen oder gar anderen zu vermitteln. Und genau so ist es.

Aber woran liegt das? Warum ist die Lage hier nicht oder nur schwer beschreibbar?

Für mach hat das zwei Hauptgründe.

  1. Durch die Tabuisierung des Konfliktes (besser: der Konflikte) rund um Ethnien, Völkermord, Aufarbeitung, wirtschaftliche Entwicklung, Verteilungsgerechtigkeit, Partizipation und Demokratie gibt es defakto eine Deutungshoheit der Regierung und der ihr angeschlossenen Medien über diese Ereignisse. Dies sind auch die „Fakten“ die öffentlich im Ausland verbreitet werden.
  2. Viele der ausländischen Autoren vereinfachen die Geschichte so und schmücken sie mit falschen Vergleichen oder lassen Ereignisse die vieles komplizierter machen würden einfach weg.

Zu 1.:
In Ruanda ist es verboten über die Zugehörigkeit zu Gruppen zu sprechen. Niemand darf sagen: „Ich bin ein Tutsi“, „Du bist ein Hutu“. Solche Äüßerungen fallen unter die Straftat Genozidideologie und werden mit bis zu 25 Jahren Haft bestraft. Auf den ersten Blick eine gute Sache, da so eine Diskriminierung von egal welcher Seite nicht möglich scheint. Eine Aussöhnung und Gleichbehandlung kann scheinbar stattfinden.

Dies birgt jedoch auch Probleme. Natürlich weiß jeder Ruander zu welcher Gruppe er gehört. Und nachdem Ruanda das Land des Tratschens und des Informationsaustausches ist, weiß er auch wer sein Nachbar ist und wozu er gehört. Er weiß auch wer sein District-Chef ist und wozu er gehört und natürlich auch woher der Präsident stammt. Damit ist bewusst und unbewusst eine Diskriminierung möglich, tritt jedoch öffentlich nicht zu Tage, da ja nicht darüber gesprochen wird.

In Ingando oder Itorero Kursen in Peace und Leadership Zentren oder durch die Gacaca-Gerichte, findet eine Aufarbeitung, kontrolliert durch die Regierung, statt.

Erstgenannte sind Veranstaltungen zur politischen Erziehung die über 3 Wochen dauern und für alle Ruander verpflichtend sind. Was der genaue Inhalt dieser Kurse ist vermag ich nicht zu sagen. Jedoch wurde die Zeit von all den Menschen mit denen ich dannach gesprochen habe als schön und spannend erlebt … und sie fanden die Regierung toll.

Die Gacaca-Gerichte sind Dorfgerichte die Verfahren gegen Täter des Völkermords führen und dabei vor allem auf Wiedergutmachung und Versöhnung setzen. Der Vorteil ist, dass es nur so möglich war und ist, die Vielzahl an Verfahren abzuwickeln. Die reguläre Justiz wäre mit über einer Million Fällen definitiv überlastet gewesen. Das Problem ist, dass die Richter allesamt Leihen sind, also über keinerlei juristische Ausildung verfügen. Außerdem sind es oft Nachbarn und Bewohner der gleichen Kommune und profitieren damit vermutlich direkt von der Anklage und auch der Verurteilung von Verdächtigen. Den Stand der Gacaca-Gerichtsbarkeit 16 Jahre nach dem Genozid beschreibt Simone Schlindwein in ihrem heutigen Artikel „Mörder bleiben Nachbarn„.

Wichtig für die Verbreitung der Informationen außerhalb Ruandas in der ganze Welt sind die Medien. Die Medien im Lande sind zu größten Teilen in Regierungs(partei)-Besitz oder zumindest unter Kontrolle der Regierung. Mehr dazu im Artikel der East African Press „Kagame Tops Media„.

Zu 2.:
Geschichte ist kompliziert und nicht einfach zu durchschauen. Es gibt keine objektive Wahrheit. Die Wahrheit wird erst vom Betrachter oder dem Beschreibenden geschaffen. Das ist speziell in Ruanda der Fall. Wenn man sich zutraut Dinge für andere Menschen zu beschreiben, wie etwa als Journalist oder auch als Blog-Autor, muss man jedoch darauf bedacht sein so viele Informationen wie möglich in sein Portfolio zu nehmen. Es ist meines Erachtens unzulässig Informationen zu vernachlässigen und geradezu fahrlässig Informationen systematisch wegzulassen.

Quellen die allzu oft keine Beachtung finden, sind die Berichte Human Rights Watch über die Menschenrechtsverletzungen der ruandischen Regierung. Einen Überblick gibt es hier

Ein Fall für einen recht ungleichen Vergleich bringt Stephen Kinzer, der mit „A thousand Hills – Rwanda´s Rebirth and the Man who dreamt it“ ein sehr positives Bild von Präsident Paul Kagame zeichnet, in seinem Bericht „The limits of free speach in Rwanda“ im britischen Guardian. Er wirbt um Verständnis für die Einschränkung der Pressefreiheit in Ruanda mit dem Vergleich

„Even in the US, though, it is illegal to cry „fire!“ in a crowded theatre.”

Ergo, auch in den USA ist nicht alles erlaubt, warum soll es dies dann in Ruanda sein?

Mit hinkenden Vergleichen kennt sich auch Michael Binyon gut aus. In seinem Artikel von heute:  “Rwanda moves on – but scars from genocide of Tutsis remain” in der britischen Zeitung The Times, wirbt er für die Aussage, der nicht weiter spezifizierten, Ruander, dass das Verbot Aussagen über Hutu und Tutsi zu machen in Ordnung sei, denn auch in Deutschland stehe die Leugnung des Holocaust unter Strafe.

Letzteres ist richtig, jedoch darf in Deutschland über den Holocaust sehrwohl gesprochen werden. Das wäre für mich der Maßstab des Vergleichs.

Das so etwas hier nicht möglich ist spürt gerade Victoire Ingabire, aus dem Exil zurückgekehrte Oppositionspolitikerin, die nach einem Besuch der Genozid Gedenkstätte Gisozi sagte, das es einen Völkermord an den Tutsi gab, das aber während dessen auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit an Hutu verübt wurden. (Man achte auf die differenzierte Wortwahl) Eine Aussage, die sich weitestgehend mit den Berichten von Human Rights Watch deckt, speziell mit dem Bericht von August 2009 mit dem Titel „Rwanda: Les travaux du Tribunal pénal international pour le Rwanda sont incomplets“ deckt.

Darin steht, dass während und nach dem Genozid zwischen 25.000 und 45.000 Zivilisten durch die jetzige Regierungspartei und ehemalige Rebellenarmee FPR getötet wurden.

Frau Ingabire deswegen als Anhängerin der „Doppelgenozid-These“ zu bezeichnen, wie es Michael Binyon tut, ist bestenfalls schlichtweg fahrlässig.

Jedoch ist auch Victoire Ingabire nicht von aller Kritik zu befreien. In einem Bericht der UN wird ihr vorgeworfen sich mit Vertretern der kongolesischen FDLR getroffen zu haben. Auch über die Vergangenheit eines ihrer engsten Vertrauten – Joseph Ntawangundi – war sie wohl unzureichend informiert.  In Abwesenheit wurde dieser wegen seiner Beteiligung am Genozid verurteilt und in Ruanda verhaftet. „Rwanda: FDUs Ntawangundi found guilty denies some genocide charges

Selektives unterschlagen von Informationen betreibt Michael Binyon auch noch weiter in seinem Artikel. Dort schreibt er:

„President Kagame, leader of the Rwandan Patriotic Front — which swept in from exile in Uganda in 1994 to drive out the genocidaire […]”

Binyon vergisst wohl, dass zwischen 1990 und 1994 ein blutiger Bürgerkrieg im Norden Ruandas stattfand, welcher nach dem Grenzübertritt der RPF begann und den genocidaire als Beweis dafür diente, das die Tutsi vorhätten die Hutu auszulöschen. Eine Verkürzung der Geschichte durch Binyon, die ein falsches Bild vermittelt.

Was bleibt also? Was ist die Konsequenz?

Die Lage ist kompliziert und nicht einfach zu beschreiben. Es ist, wie ziemlich oft, nicht möglich das Gute und das Böse genau auseinander zu halten. Das macht das Berichten darüber nicht einfacher. Ich fühle mich nicht in der Lage, dies angemessen zu tun, selbst nachdem ich mich über Jahre wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt habe und hier bald ein Jahr lebe.

Umso mehr finde ich es verwunderlich, dass Menschen die für Recherchen zwei Wochen hier sind, danach so tun als ob sie die Wahrheit kennen und wissen wer böse und wer gut ist. Es geht aber auch anders. Josh Ruxin zum Beispiel lebt seit Jahren in Ruanda und bringt immer wieder gut recherchierte Berichte, die einigermaßen ausgewogen und mit dem nötigen Abstand über Ruanda berichten. Wie etwa sein heutiger Artikel in der New Your Times über die Entwicklung in Ruanda: „16 Years after the Genocide, Rwanda Continues Forward

Für mich ist der Tag heute, genau wie die nächste Woche, eine Zeit um den Opfern von Propaganda, Gewalt und Autokratie in Ruanda zu gedenken. Es ist eine Zeit in welcher ich mich fassungslos daran erinnern muss, was Menschen anderen Menschen antun können. Für mich macht es da kein Unterschied ob der andere Mensch Hutu, Tutsi, Jude, Amerikaner oder mein Nachbar ist.

Für die ruandische Regierung ist aber anderes klar: Diese Woche ist dem Gedenken an den „Genozid gegen die Tutsi“ gewidmet. Seit einem Jahr ist dies nämlich die offizielle Bezeichnung für den Genozid.

Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 07. April 2010 um 14:51 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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5 Comments »

  1. Nachdem ich deinen Blog monatelang nur (wenn auch sehr interessiert und aufmerksam) mitgelesen, muss ich jetzt doch einen kurzen Kommentar hinterlassen. Kurz, weil in diesem Fall eigentlich schon mit wenigen Worten alles Wesentliche gesagt ist. Nämlich: Glückwunsch, Rapha, so differenziert, ausgewogen und realitätsnah habe ich bisher nur weniges empfunden, das über Ruanda und seine Geschichte geschrieben wurde. Deine Zeilen vermitteln ein wirklich gutes Bild der heutigen Lage und die verlinkten Artikel geben wertvolle Hintergrundinformationen. Wenn mich in Zukunft jemand auf meine Zeit in Ruanda anspricht und ich keine Lust habe, zum x-ten Mal daran zu scheitern, die komplexe Gemengelage halbwegs angemessen zu vermitteln, dann weiß ich jetzt immerhin, auf welchen Blogeintrag ich verweisen muss.

    Ich werde mich im Laufe der nächsten Tage auf jedenfall nochmal telefonisch bei dir melden (und hoffe, dass ich dich dann nicht gerade auf dem Fahrrad erwische) und würde mich freuen, nochmal ein bisschen mit dir plaudern zu können.
    Bis dahin eine schöne Zeit und ganz liebe Grüße aus Deutschland.
    Simon

    Comment: Simon – 07. April 2010 @ 17:50

  2. Hallo rapha,
    ein lesenswerter Artikel deinerseits, der die augenblickliche Lage in Ruanda informativ (wenn auch, wie du selber zugestehst, nicht erschöpfend) beleuchtet.
    Da mein Artikel auf einseitig.info hier verlinkt wurde, ein kurzer Kommentar meinerseits:
    Du hast recht, dass ich mit dem Artikel ein diffuses Unwohlsein beschreibe und eigentlich ist es schön, dass es auch als solches wahrgenommen wird. Der Anspruch war nicht einen Hintergrundartikel zu schreiben (den ich nicht erfüllen könnte, weil ich mir nicht anmaßen würde, die Hintergründe wirklich in der Tiefe durchschaut zu haben), sondern ein Stimmungsbild zu liefern, das einem Außenstehenden entgegenschlägt. Insofern eignet sich mein Artikel aber auch nicht als Beispiel für eine einseitige Berichterstattung – vielmehr sucht er über Beobachtungen der „ruandischen Oberfläche“ Puzzlesteine der seelischen Verfasstheit der Gesellschaft zu liefern (naja, nicht sonderlich elegant ausgedrückt). Kurzum: Ein Hintergrundartikel und ein „Stimmungsartikel“ sind aus meiner Sicht unterschiedliche Disziplinen und erfüllen unterschiedliche Zwecke.
    Beste Grüße und weiter so!
    David

    Comment: David – 08. April 2010 @ 08:31

  3. Hallo David,

    danke für das Kompliment für den Artikel. Auch ich habe keinen Hintergrundartikel geschrieben, sondern eher einen Artikel der beschreibt, warum es schwierig ist einen Hintergrundartikel zu schreiben und vor allem auch, dass es sich manche sehr einfach machen einen vermeindlichen Hintergrundartikel zu schrieben.
    Dein Artikel ist keiner von denen. Du versuchst ein Stimmungsbild zu beschreiben und machst das gut. Dabei gehst du natürlich inhaltlich nicht in die Tiefe, das ist ja nicht der Sinn und Zweck. Das kreide ich dir aber definitiv nicht an.
    Auch das dein Artikel einseitig sei verbietet sich, trotz der Adresse einseitig.info, da er, wie du schreibst, keine Meinungen, sondern Gefühle beschreibt.
    EInseitig schreiben da andere.

    Danke für die Bereicherung.

    rapha

    Comment: rapha – 09. April 2010 @ 07:12

  4. Hallo rapha,
    richtig, das war in meinem Kommentar nicht deutlich geworden. Dein Beitrag ist mehr ein subjektiver (Hintergrund-)Artikel über Defizite bei Hintergrundartikeln zu Ruanda. Meinerseits war das ungenau ausgedrückt.
    Ich würde bei den Gründen aber nicht unbedingt 1. als einen der wichtigsten nennen, sondern eine allgemeine Krise des Qualitäts-Journalismus im Spannungsfeld zunehmenden finanziellen Drucks und wachsender Komplexität von (berichtenswerten) Ereignissen. Das wird dann kritisch, wenn es gerade bei abnehmender Aufmerksamkeitsspanne der Leser wichtiger wird, Informationen kompakt in ausgewogener und verständlicher Form zu präsentieren – vielleicht DER wichtigste journalistische Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung.
    Will heißen: Qualität ist nur noch selten gewährleistet in einer Zeit, in der selbst eine Zeitung wie die SZ kurz vor dem Bankrott stand und daher vor allem eines gilt: Sparen, Redaktionen zusammenlegen, Artikel von externen Dienstleistern beziehen.

    Comment: David – 09. April 2010 @ 10:42

  5. Lieber Rapha,

    nachdem man deinen Artikel gelesen hat, bleibt – trotz deiner vielen Verlinkungen- der Durst nach Wissen, der Wunsch noch differenzierter „durchzublicken“. Diejenigen, denen das auch so geht, möchte ich gerne auf ein paar top-aktuelle, „unabhängige“ und wissenschaftliche Hintergrund-Analysen verweisen.. Denn David hat vollkommen recht, mit Journalismus kommt man da nicht mehr weit

    http://www1.bpb.de/themen/3NG8CJ,0,0,Ruanda.html
    http://www.bertelsmann-transformation-index.de/83.0.html

    Und noch ein etwas älterer, aber sehr guter Bericht von dem Wissenschaftler Gerd Hankel: http://www.der-ueberblick.de/ Zu finden im Heft-Archiv: 01/2007‏

    Hankel, Gerd (2007): An der Realität vorbei. Ruanda, dreizehn Jahre nach dem Völkermord.

    Comment: Ariane – 10. April 2010 @ 08:36

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