Einmal Deutschland und zurück, bitte. – Konsum und Dekadenz

Ich war auch in Deutschland um einzukaufen. Nach einem Jahr Handwäsche sehen die Klamotten einfach nicht mehr so gut aus. Sie sind zum Teil eingelaufen, haben Flecken die nicht mehr raus gehen oder sind schlicht und einfach kaputt. Manch einer würde sagen: „Na dann lass sie doch reparieren.“, dass ist jedoch schwierig und hat mehrere Gründe: Erwartung und Respekt. Dazu aber später mehr.

In Deutschland habe ich immer aus anderen Gründen neue Klamotten gekauft. Ob bei meinem ganzen Ab- und Zunehmen war auch öfter die Größe ein Grund, aber meistens haben mir meine Kleider nicht mehr gefallen. So funktioniert auch Konsum in Deutschland: Kaufen weils cool ist. Ich brauch es nicht unbedingt, aber es ist schön es zu haben. Das haben mir Fernsehen und Werbung beigebracht. Wenn die es nicht geschafft haben, dann schaffen es Malls wie die myZeil in Frankfurt.

Ich hab ganz klein angefangen. Friedrichshafen. Shoppingwüste. Ein C&A, ein kleiner H&M, für die schönen Abkürzungen noch der K&L, dazu eine Handvoll anderer Geschäfte. Ich habe aber eine Grundausstattung gebraucht, da mein ganzes Gepäck aus Ruanda voll war mit Bananen, anderem Obst und Pakete von anderen Freiwilligen. Erst nach einer ganzen Weile wurde ich fündig. Ein kleiner Camel Active Shop versteckt zwischen Subways und dem Vodafone Laden. Hier habe ich mich wohl gefühlt, hatte schöne Gespräche und habe eingekauft.

Später gings dann weiter: Mediamarkt. Elektroniksachen überall. Riesige Fernseher, Boxen und Soundanlagen und sogar Waschmaschinen. Nichts gekauft, aber weiter zu Schlecker wegen Kosmetikartikeln und bei Depot noch geschaut was man grad so in Deutschland in der Wohnung stehen haben soll. Zwischendurch zum Geldautomaten: Geld holen. Dann weiter…

So viel habe ich im Endeffekt gar nicht gekauft, aber ich hätte können wenn ich gewollt hätte. Zumindest ist es das was mir immer suggeriert wurde. „Alles kein Problem, kaufs dir, zahls später, das hat man heute so, kein Problem.“

Nach einem Tag in Deutschland hab ich nur den Kopf geschüttelt. Wenn man solch einem Bombardement von Waren, Farben, Anzeigen und Kaufempfehlungen immer ausgesetzt ist, dann muss man ja glauben, dass man das wirklich braucht das Zeug. Klar gibt es viele für die das nicht zutrifft, aber die Verführung ist da.

Kurz bevor ich nach Deutschland geflogen bin lief gerade die tolle Debatte mit Herrn Westerwelle, seiner „spätrömischen Dekadenz“, die irgendwann bei Caligula und Huftiervergleichen endete. Dazu will ich gar keine Stellung nehmen, aber der Begriff Dekadenz (wenn auch nicht der spätrömischen) ging mir in Deutschland auch immer wieder durch den Kopf.

Da hängen Tausende von Kleidungsstücken in riesigen Verkaufsräumen und warten drauf bis sie jemand kauft, der sie nicht braucht von dem Geld was er nicht hat. (Bei C&A bekommt man gerade bis 250 Euro Kredit für fast kein Geld, hab ich gelesen) Der Konsument fühlt sich dann reich. Er kann sich Dinge leisten. Er kann sich vergleichen mit den Menschen um ihn herum, er kann hinabschauen auf andere.

Leider hält dieses Gefühl nur solange, wie die anderen merken, dass meine Kleidung neu ist, bis sie aus der Mode kommt oder bis es alle haben. Dann bin ich wieder genau so arm wie vorher.

Ganz anders in Ruanda: „Ich bin weiß und damit reich!“, dass wird mir zumindest zugeschrieben.

Das Wort in Kinyarwanda für Weißer und das für Reicher ist ein und das Selbe. Dabei ist es egal ob das stimmt, dass jeder Weiße reich ist oder jeder Reiche weiß. Wenn ich zum ersten Mal hier gesehen werde bin ich immer beides. Und in der Relation stimmt es ja auch. Selbst als Freiwilliger mit 200 Euro Essensgeld und Taschengeld im Monat muss man aus finanziellen Gründen auf fast nichts verzichten. Natürlich kann man nicht in den teuren Hotels übernachten und nicht ständig zu den Gorillas gehen, aber man kommt gut damit über die Runden.

Nicht nur das: Ich bin wenn ich Lust hatte am Wochenende nach Kigali gefahren. 3 Stunden Fahrt, alles zusammen 2000 Francs, keine 2,50 Euro. Das ist aber immerhin ein Zehntel des Monatseinkommens des Kochs der Priester, oder ein hundertstel des Jahreseinkommens des Otto-Normal-Ruanders, oder eben das Monatsgehalt eines Houseboys auf dem Land.

Wenn sich in Ruanda Freiwillige arm fühlen oder den Eindruck haben mit ihrem Geld hinten und vorne nicht klarzukommen, dann, wenn sie mit Mitarbeitern ausländischer NGOs oder reichen Schnöselruandern rumhängen. Das ist eine ganz andere Liga. Für die gilt der Vergleich mit dem Bus nicht, die haben ein Auto. Da kostet die Fahrt von mir nach Kigali auch gleich mal so viel wie der Koch in einem Monat verdient, aber auch der vergleich hinkt, die fahren ja nicht nach Nkumba.

Wie dem auch sei: Reich ist hier anders.

Eigentlich wollte ich aber über Konsum schreiben. Gerade was Werbung angeht ist Ruanda überschaubar. Es werben eigentlich nur die großen Telefongesellschaften, einige große Versicherungen und die Nationale Tourismusargentur ORTPN. Letztere preist die Artenvielfalt im Nyungwe an oder informiert wie viele Kilometer es noch bis zu den Gorillas sind. (Für den einfachen Ruander übrigens beide völlig irrelevante Informationen.)

Ansonsten ist der Konsum eher eingeschränkt. Auf dem Land kaufen die Menschen von dem Geld was sie vom Verkauf ihrer auf dem Feld angebauten Tomaten haben: Öl und Seife, Bier oder mal einen Stoff. In der Stadt ist es ähnlich. Dort gibt es jedoch auch westlich lebende Ruander die einen der wenigen Angestelltenjobs haben die ein bisschen Geld abwerfen, also nicht Houseboy, Träger, Straßenkehrer, Wachmann, Kellner, Verkäufer, Motofahrer sondern Bankangestellter oder Supermarktverkäufer. Auch diese kaufen ihre Dinge bei einem kleinen Laden, einer Alimentation, viele von ihnen versorgen mit ihrem Einkommen aber auch eine große Familie.

Darüber und in einer anderen Welt leben die oberen 10000. Wahrscheinlich sind es weit mehr, eine genaue Zahl kenne ich nicht. Sie leben teilweise dekadent. Das Auto muss nicht ein dicker Land Cruiser sein sondern ein Porsche Cayenne Turbo oder ein Mercedes ML350. Das ist ein großer Unterschied zu dem Ruanda was ich vor fast sechs Jahren erlebt habe. Da gab es auch reiche Menschen, aber die Dekadenz war nicht da.
Ich bin gespannt wie sich das in der nächsten Zeit entwickelt.

Jetzt werden sich einige vielleicht denken: „Ach der rapha. Der hat doch jetzt selber Geld. Und dann schreibt der so einen Artikel.“

Ja das ist richtig. Ich verdiene jetzt Geld hier. Ich arbeite in einem richtigen Job. Damit kann ich mir auch das ein oder andere leisten. Ich habe ein Haus in Kigali, habe mein Rad mit hier her genommen. Für mich ist aber das wichtigste wie ich auftrete. Bin ich wertschätzend gegenüber Menschen und Dingen? Vergeude ich kein Essen oder Geld? Achte ich die Natur? Bleibe ich offen für Neues und interessiert an Anderem?

Wenn ich all diese Fragen mit Ja beantworten kann, dann bin ich zufrieden mit mir. Dann hänge ich nicht vollständig in der Schleife des dekadenten Konsums.

Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, 11. März 2010 um 16:00 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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4 Comments »

  1. Hallo Rapha,
    ich habe vor einiger Zeit auf deinem Blog einen Kommentar hinterlassen und ihn seitdem abonniert. Mittlerweile habe ich tatsächlich einen weltwärts-Platz über den DED im Maison des Jeunes Kimisagara erhalten und jetzt sauge ich förmlich alle Texte und Links auf. Im August geht es für mich los… also wenn alles klappt…

    Zum Artikel: der letzte Absatz erinnert mich ein bisschen an das Milieu der Postmaterialisten. Du bist in der materialistisch gesättigten Gesellschaft zur Erkenntnis gelangt, dass diese Sättigung zu viel war… kann man in Ruanda zu dieser Erkenntnis gelangen?! Denn gleichzeitig ist das sozial- und ökologisch- verträgliche Konsumieren auch ein Luxus, den sich vor allem eine Gesellschaft erstmal leisten können muss. Ein bisschen ist es aber auch der neue Trend des Konsums in Europa, somit kannst du dich auch hier nicht dem Konsum entziehen.
    Interessante Einblicke in europäischen Konsum bietet utopia.de.

    Ich glaube, dass man auch in Ruanda westlich konsumieren würde, wenn sie bereits die Möglichkeit dazu hätten. Versteh mich nicht falsch, ich bin im gleichen gedanklichen Ping-Pong wie du, aber ich wollte das mal los werden.

    Comment: Henubis – 11. März 2010 @ 16:58

  2. Hallo Rapha,

    ich erlebe es nicht zum ersten mal, dass Freiwillige aus einem Entwicklungsland zurück kommen und sich über die Dekadenz in Deutschland „beschweren“. Alles gibt es im Überfluss, die Leute kaufen Sachen die sie nicht brauchen und am Frankfurter Flughafenbahnhof sind die Mülleimer verchromt. Mir gibt das schon auch zu denken und ich gehe denkbar ungern in solche großen Shopping-Center. Aber auch wenn es eine Beobachtung ist, dass es sowas in Deutschland gibt und woanders nicht: Es sind trotzdem längst nicht alle Deutschen so. Ich denke, wir sollten uns freuen, dass es hier ist wie es ist – das wird einem immer wieder verdeutlicht wenn man lange Reisen macht: Es gibt alles was man haben möchte zu kaufen, wir haben Waschmaschinen, fließend Wasser, immer Strom, Zentralheizung, den ICE… Und ja, es gibt auch verchromte Mülleimer. Mir gefällt der Flughafenbahnhof echt gut und freue mich seit ich den Bericht einer Freundin gelesen habe immer wieder darüber. Aber wir sollten eben auch versuchen, nachhaltiger zu leben, also nur das kaufen, was auch lange hält und irgendwie „angemessen“ ist. Was „angemessen“ jetzt bedeutet kann ich schwer sagen, ein dicker Mercedes ist es aber sicher nicht.

    Viele Grüße
    Frank

    Comment: Frank – 11. März 2010 @ 18:45

  3. @Henubis Erstmal freue ich mich drauf mit dir ein bisschen theoretisch hier zu plaudern und dann mit dir die Realität in Kigali zu teilen.

    Zum Zweiten hast du recht mit der Postmaterialismus Einschätzung. Ich glaube, dass viele von den Reichen und Superreichen in Ruanda in einer Materiallismusschleife hängen. Es wird gebaut und konsumiert, geprotzt und gezeigt. Die Neubaugebiete sehen aus wie amerikanische Neighborhoods. Ich würde sagen, dass die finanziell gesättigt sind. Das Problem ist, dass sie das noch nicht so lange sind. In Deutschland hat sich innerhalb einer Generation daraus die Sache mit Slow Food, Öko-Anbau und Lebensqualität entwickelt. Hier ist das noch nicht angekommen. Außerdem ist der Unterschied hier, dass es nur kleine Gruppen von Menschen gibt die Geld haben und nicht die breite Masse oder sogar alle wie in Deutschland.

    @Frank Ja dass muss ich auch nochmal unterstreichen, dass es nicht DIE DEUTSCHEN gibt, die alle bonzig und verschwenderisch sind.
    Du hast auch Recht, dass sowas nach ner Zeit im Ausland mehr auffällt. Ich hab es vorher manchmal gesehen, aber eben nicht so bewusst.
    Ich freu mich auch immer wieder, dass ich gut Leben kann, egal ob in Deutschland oder Ruanda. Aber verchromte Mülleimer im Fernbahnhof sind schon auch der Hammer…

    Comment: rapha – 12. März 2010 @ 14:35

  4. Wir leben in D eben in einer hochgradig kapitalistischen Gesellschaft. Und Kapitalismus funktioniert eben über Konsum. So einfach ist das.
    Ich weiß was du mit Dekadenz meinst (kein Maß haben, übertreiben), aber ich denke es ist ein bisschen scheinheilig, wenn du sagst, dass man dieser Dekadenz entkommen kann, wenn man sich wertschätzend verhält. Wertschätzendes Verhalten ist meiner Meinung nach abhängig von der Erziehung und nicht von der Gesellschaft, in welcher wir leben. Wenn du wieder in D bist, bist du auch wieder ein Teil der Konsumgesellschaft. SIch dann dadurch aus dieser Gesellschaft rauszurechnen durch Wertschätzung und Bewußtsein ist zu einfach!
    Wenn du deinen Gedankengang konsequent zu Ende führen würdest, dann müsstest du subsistent leben, was doch zugegebenermaßen die wenigsten umsetzen…

    Comment: hannah – 18. März 2010 @ 21:31

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