Einmal Deutschland und zurück, bitte. – Blickkontakt

Natürlich sind die Menschen in Deutschland anders als in Afrika. Ich spreche hier explizit nicht von der Hautfarbe. Ich meine den Umgang miteinander und die Beziehung zu anderen. Wenn ich in Nkumba die vier Kilometer von meinem Haus zur Straße laufe dauert das manchmal über eine Stunde. Das liegt nicht daran, dass es so steil wäre oder ich in schlechter Form bin, sondern hauptsächlich daran, dass es in Ruanda sehr unhöflich ist, an jemandem vorbei zu laufen den man kennt, egal wie oberflächlich, und ihn nicht zu Grüßen oder ein bisschen Smalltalk zu halten.

In Deutschland ist das anders und mir jetzt auf meinem kurzen Tripp noch einmal bewusst geworden. Nach einem Tag einkaufen in Friedrichshafen oder auch in Frankfurt ohne Blickkontakt zu jemand anderem kam ich mir ein bisschen komisch vor. Da sind die Europäer eben anders.

Der Versuch einer Einordnung.

a

Mir war von vornherein klar, dass es anders sein wird in Deutschland. In Ruanda falle ich als Weißer immer auf. Ich kann nirgends unerkannt bleiben. Dieses Phänomen hab ich ja schon des Öfteren beschrieben. Ich haben den Eindruck damit gut umgehen zu können. Ein bisschen Winken hier, ein bisschen Smalltalk da. Mir macht das Spaß. Einigen anderen Weißen, vor allem Freiwilligen in ländlichen Regionen, geht das anders. Nach mehr als einem halben Jahr immer noch nicht unbeobachtet das Haus verlassen zu können oder normal auf dem Markt einzukaufen ist sicher auch nicht jedermanns Sache. Klar ist man hier schön mit weißer Signalfarbe markiert und somit gut sichtbar.

In Deutschland sind fast alle so markiert. Ich muss zugeben, dass mein visueller Filter ganz schön auf dunkelhäutige Eingestellt war. Ich hab sie alle gesehen. Aber auch die Weißen sind mir aufgefallen. Ich habe viel Menschen beobachtet. Das schöne war, dass dies unbeobachtet passieren konnte. Einfach in ein Straßenkaffee sitzen und schauen…

Was ich da gesehen habe hat mich jedoch erschreckt. Die Menschen haben meiner Meinung nach nicht glücklich ausgesehen. Alle wirkten gehetzt, griesgrämig und beschäftigt. Sie beschimpften ihren Hund, zupften an ihrer Kleidung oder nahmen die Kinder fester an die Hand. Natürlich war das Wetter schlecht und damit entfiel ein wichtiger Grund für gute Laune.

Nun begann Teil zwei meines Experiments: Ich lief selbst durch die Gegend und versuchte Blickkontakt zu anderen herzustellen. Nach fünf Minuten war klar: Keine Chance. Die Menschen bemerkten nicht, dass ich sie ansah und taten sie es doch wichen sie mir sofort aus. Den Grund dafür sah ich darin, dass ich mit diesen Menschen ja auch nichts zu tun hab, also wir kein gemeinsames Interesse haben, auf Grundlage dessen wir kommunizieren müssen.

Also Teil drei: Einkaufen im Einkaufszentrum. Hier war zumindest teilweise dieses Interesse vorhanden: Man muss sich mit dem Einkaufswagen verständigen wer auf welcher Seite vorbei fährt, manchmal steht einer vor dem Regal an welches der andere dran will. Spätestens wenn ich eine Verkäuferin frage wo das eine oder andere ist oder bezahle muss es doch möglich sein ein Mal Blickkontakt aufzubauen. Nein. Nope. Oya. Alles funktioniert ohne diese wichtige Kommunikationsform. Die Menschen taxieren ihre Umgebung aus den Augenwinkeln. Es gibt Vorsichtsmaßnahmen wie das Zurücktreten vom Regal, wenn auch nur die kleinste Wahrscheinlichkeit besteht, dass der andere Kunde der gerade den Flur betreten hat, etwas Ähnliches sucht wie ich. Nicht einmal an der Kasse klappts: „31,59 €“, „Bitteschön.“, „40 €, 8,41€ zurück“, „Danke, schönen Tag noch“, „Ebenfalls“. Und das alles ohne Blickkontakt.

Natürlich geht es auch anders. Sobald es persönlicher wird und die Menschen überrascht werden.
„Ja wir haben da diese Winterschuhe..“
„Nene, ich brauch was für den Sommer“
„Aber es ist doch kalt draußen“
„Nicht wo ich wohne. Ich wohne in Ruanda“
„Wo?“
„In Ru-an-da!“
*Blickkontakt*
„Oh das ist ja interessant, Was machen Sie da?“…

Solche Gespräche hatte ich zum Glück auch viele. Ich weiß, dass ich so was gerne mache und da auch manchmal ein bisschen ein Labersack bin, aber das macht mir nichts. So ist es dann auch passiert, dass ich 90 Minuten in ein und demselben Laden war und dort mit der Verkäuferin über Afrika, Winter, Einkaufen, Vulkane und sonst was sprach und nebenher einkaufte.

Ich glaube jedoch, dass die Individualität in Deutschland viel von der Lebensqualität nimmt. Zumindest für mich. Durch das gewinnorientierte Taxieren von allen Begegnungen und der damit verbundenen Entscheidung für den zu erbringenden Einsatz wird die Distanz zwischen den Menschen größer. Was habe ich davon? Was bringt mir das? Platz für uneigennützige Hilfe ist dann nur noch da, wo es gesellschaftlich moralisch erwartet wird: Der Oma den Sitzplatz im Bus anbieten oder der Mutter mit dem Kinderwagen beim Einsteigen zu helfen.

In Ruanda wäre das nicht möglich.

Hier ist das Leben so mit dem Leben der Mitmenschen vernetzt, dass diese Vernetzung ein wichtiger Teil des Lebens ist. „In Rwanda, it´s not about know how, it´s about know who!“ Dies ist erstmal nicht mehr als eine Feststellung und nicht als Wertung zu verstehen, denn auch dieser Ansatz hat Nachteile. Kennst du niemand oder es mag dich aus irgendeinem Grund jemand nicht, hast du keine Chance. Von der Anfälligkeit für Korruption mal ganz abgesehen.

Was mir aber bei diesem kurzen Ausflug nach Deutschland bewusst geworden ist: Ich habe gerne einen Draht zu Menschen. Ich kommuniziere gerne. Und für mich ist der Schlüssel zur Kommunikation der Blickkontakt.

Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 09. März 2010 um 18:05 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

«  –  »

9 Comments »

  1. Ich habe sehr ähnliche Empfindungen gehabt, als ich nach 2 Jahren in Westafrika nach Deutschland zurück gekommen bin, schon eine Ewigkeit her. Sehr schwer war es, sich wieder einzugewöhnen, das Leben ist anders, hektischer. Jemanden einfach anzulächeln im Vorübergehen – das gibt es hier nicht, das irritiert.
    Wobei ich in Ruanda (vor 2 Jahren) gerade beim Blickkontakt das Gefühl hatte, er ist verhaltener als in anderen Teilen Afrikas, der Genozid hat seine Spuren hinterlassen, die Menschen kamen mir oft noch traumatisiert, auch teilweise mißtrauisch vor. Das änderte sich aber sofort, nachdem man ein paar Worte gewechselt hatte, dann war es wieder da, das afrikanische offene Entgegenkommen.
    Das sollten nur ein paar Anmerkungen sein. Lese den Blog gerne.

    Comment: Roland B. – 09. März 2010 @ 19:59

  2. Das mit dem Blickkontakt ist mir auch aufgefallen, als ich aus Namibia wiedergekommen bin. Sowohl, dass die anderen Menschen auf der Straße ihn meist vermeiden, als auch, dass ich ihn vermehrt gesucht habe und verwirrt war, als von den anderen nichts kam. Und auch bei mir selbst habe ich gemerkt, dass ich die Menschen intensiver angeschaut habe. Das ist jetzt schon wieder weniger geworden, ich schaue schneller wieder weg, auch wenn ich mich manchmal zwinge länger hinzusehen wenn ich merke, dass ich den Impuls habe die Augen sofort wieder abzuwenden.

    In Deutschland fühlen wir uns denke ich so, als würden wir unerwünschter Weise in anderer Menschen Leben eindringen, wenn wir sie nur zu eindringlich ansehen. Und das geht uns ja alles gar nichts an. Auf dem Rückkehrerseminar in Köln hatten wir übrigens eine Diskussion über Individualismus, der nur entstehen kann wenn ein „starker Staat“ dahintersteckt, der bei fehlender Gemeinschaft genug Sicherheit geben kann, während bei einem „schwachen Staat“ oft Kollektivismus das einzige Mittel zum Überleben ist. Aber das wird jetzt alles zu viel für einen Blog-Kommentar.

    Guter Artikel. Das kommt mir alles sehr bekannt vor. Les dich immer wieder gerne.

    Comment: Evi – 10. März 2010 @ 09:48

  3. Ist es nicht auch so, dass anschauen manchmal mit anstarren verwechselt wird? Und starren ist ja in Deutschland unhöflich und man macht es eben nicht. Doch wer bestimmt das? Und wann hört anschauen auf und anstarren beginnt? Ich habe nach meinen Auslandsaufenthalten auch schön öfter über solche Dinge nach gedacht und in diesem Zusammenhang das Experiment durchgeführt: Schenk anderen ein Lächeln! Warum? Einfach so!
    Es macht riesig viel Spaß und in manchen Ländern sind die Menschen verdutzt und in anderen eben nicht…
    Danke für den interessanten Blogbeitrag!

    Comment: Karin – 11. März 2010 @ 10:32

  4. @Roland vielen Dank für den Kommentar. Ich habe natürlich nicht den großen Vergleich mit anderen afrikanischen Ländern, aber ich glaube dieses ein bisschen leere Gucken in Ruanda liegt vor allem an der Unsicherheit. Was will dieser Weiße hier? Wenn sie dann mit ein bisschen Kinyarwanda überrascht werden oder die Frage für sich beantworten können, dann ist das unsichere weg.
    Ich freu mich auf weitere Gedanken und Infos zu meinen Blogbeiträgen.

    @Evi Deine ergänzung mit der Theorie zum Individualismus und dem starken Staat würde mich interessieren. Hier ist es nämlich so, dass im starken Staat in Kigali der Individualismus größer wird. Auf dem Land ist der Staat nicht so stark.
    Willste einen Gastblog schreiben?

    @Karin ja seh ich auch so. Lieber einmal zu viel Grinsen, als einmal zu wenig.

    Comment: rapha – 12. März 2010 @ 14:21

  5. Soso, ich hab das mit dem Blickkontakt am letzten Freitag in Bensheim aufm Weg zum Bahnhof dann mal ausprobiert. Ergebnis (und das ist NICHT übertrieben dargestellt!):
    Gabi wirft den ihr entgegen kommenden Mitmenschen einen Blick mit einem freundlichen, aber dezenten Lächeln zu. Reaktionen:
    Nummer eins: Starrt zurück.
    Nummer zwei: Wankt auf mich zu und fragt „Hasse ma ´n Euro?“ (Ernsthaft!)
    Nummer drei: Kuckt gefühlte 0,32 Millisekunden in meine Augen, bevor der Blick weiter runter wandert und dort – auf dem bis ganz oben geschlossenenen Mantel – gefühlte 24,7 Sekunden verweilt.
    Nummer vier: Wahnsinn. Blickt mich freundlich zurück an.
    Nummer fünf: Versucht, mich mit seinem Laserblick zu töten. Ich weiche gekonnt aus und beschließe, das Experiment an dieser Stelle zu beenden und an diesem Ort nicht wieder aufzunehmen.

    Soviel zu meinen Erfahrungen ;-))

    Comment: Gabi – 16. März 2010 @ 20:43

  6. So, ich hab mir in letzter immer mal wieder dazu Gedanken gemacht und kann in dieses „kalte“ Deutschland – „herzliches“ Afrika-Lied nicht ganz einstimmen.

    Du schreibst: „dass es in Ruanda sehr unhöflich ist, an jemandem vorbei zu laufen den man kennt, egal wie oberflächlich, und ihn nicht zu Grüßen oder ein bisschen Smalltalk zu halten.“ Und kritisierst anschließend, dass du zu beliebigen Menschen auf der Straße in Deutschland keinen Blickkontakt herstellen konntest. Ich finde du vergleichst zwei unterschiedliche Situationen (okay, das macht so bei Vergleichen ;-)): auf der einen Seite, sich bekannte Menschen, die Smalltalk halten oder sich grüßen und auf der anderen Seite Menschen, die sich nicht kennen und keinen Blickkontakt suchen. Das ist m.E. nicht sauber. Fragen die sich mir da stellen sind: Suchen Ruander Blickkontakt zu anderen, wenn sie diese nicht kennen? Laufen Deutsche an einander vorbei, ohne sich zu Grüßen oder einen Smalltalk zu halten, wenn sie sich kennen?
    Die erste Frage kann ich nicht beantworten. Die zweite Frage würde ich genau so beantworten, wie du die Situation in R. beschreibst. Ich grüße den mir Bekannten und je nach Situation halte ich einen Smalltalk. Es ist auch in D. unhöflich, Menschen, die man kennt, nicht zu grüßen.

    So weit mal fürs Erste.
    Herzliche Grüße aus Paris 🙂

    Comment: Dominik – 17. März 2010 @ 20:06

  7. mhm…
    und je nachdem ob alt oder jung, Stadt oder Land, Wanderung oder Bootsfahrt, Rheinland oder Hessen 😉 … gibts ja schließlich auch in Deutschland verschiedene Grüßregeln. Vielleicht schaut man selber nur oft zu unfreundlich und abgehetzt vor sich hin.
    Also meine Empirie hat ergeben: wer grüßt wird zurück gegrüßt….meistens.

    Comment: Uta – 18. März 2010 @ 17:46

  8. Danke für die Gastbloganfrage! Wenn du magst, schreib ich gern mal meine Gedanken zu diesem Individualismus-Kollektivismus-Ding nieder… Mal schauen, ob sich meine Erfahrungen und Beobachtungen aus Namibia mit deinen aus Ruanda überschneiden. Oder auch mit den Erfahrungen oder Ansichten anderer Blog-Leser. Über das Grüß-Thema wird ja schonmal heiß diskutiert 🙂

    Comment: Evi – 19. März 2010 @ 20:56

  9. @domink ja da magst du recht haben.
    ich kann deine erste frage beantworten: ja die ruander suchen blickkontakt zu anderen.
    Ich wollt auch nicht das große „deutschland ist scheiße und afrika geil“ ding aufmachen.
    mir ist da zum ersten ein unterschied aufgefallen. ohne wertung. ich hab dann für mich entschieden, dass ich das gerne mag. das ist aber keine verallgemeinerbare aussage…

    @uta ja in ruanda ist das nicht nur meisten, sondern immer. 100 %.
    klar gibts in deutschland unterschiede. die gibts in ruanda auch. in kigali sinds vielleicht nur 98 %

    @evi mach!

    Comment: rapha – 22. März 2010 @ 16:53

Leave a comment

 

Powered by WordPress – Design / Umsetzung: Daniel Lienert