Nummer 2 von 600 – Bildung in Ruanda

Vor ein paar Tagen habe ich erfahren, dass das Petit Seminaire St. Jean Nkumba, also die Schule an der ich unterrichte, im Ordinary Level im letzten Jahr die zweitbeste von allen 600 Sekundarschulen in Ruanda war. Maßstab waren dabei die staatliche Zwischenprüfung, welche am Ende der dritten Klasse der Sekundarschule, kurz Senior 3, abgehalten wird.

Diese Nachricht will ich gerne nutzen um euch das ruandische Schulsystem zu beschreiben.

Dabei bietet sich natürlich an auch auf die Probleme des Schul- und Bildungssystem an sich einzugehen. Ich sehe darin auch eine politische Komponente die ich mit einflechten will.

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Gerade hier ist es mir wichtig nochmals darauf hinzuweisen, dass ich hier von dem berichte was ich gehört und gesehen habe. Andere mögen, vor allem bei den Problemen und der Bewertung, einen anderen Eindruck haben.


Bildungssystem in Ruanda
In Ruanda gibt es ein eingliedriges Schulsystem mit einer Primar und einer Sekundarschule, die jeweils 6 Jahre dauert. Generell besteht eine Schulpflicht für die Primarschule, seit diesem Jahr muss jeder Ruander mindestens neun Jahre zur Schule gehen. Jedoch kenne ich keine Konsequenzen, wenn dies nicht geschieht. Meine Kollegen sagen es gäbe punishment, also eine Bestrafung, für die Eltern. Die Kinder die bei mir hier rumlaufen und Grasschneiden oder Wasserholen sind alle auch im schulpflichtigen Alter.  Laut dem Länderbericht Ruanda des Auswärtigen Amts besuchen nur etwa 10% der ruandischen Kinder eine Sekundarschule.

Die staatlichen Primarschulen kosten keine Schulgebühren, jedoch fällt ein Beitrag für Schuluniform, Essen und Lehrmaterialien an. Inzwischen sind auch die ersten drei Sekundarschulenjahre in staatlichen Schulen frei. Anders ist das bei Privatschulen, darunter fallen auch die vielen katholischen Schulen, wie wir es eine sind. Bei uns kostet ein Trimester 55.000 Francs, also etwa 65 €. Auf das ganze Jahr kommen damit etwa 200 Euro zusammen. Zum Vergleich: Das ist etwa das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Ruanders. Damit ist klar, dass Schulbesuch vom Geldbeutel oder vom Geldbeutel von Gönnern abhängt. Oft legen Familien zusammen oder die Pfarrei bezahlt für gute Schüler einen Teil des Schulgelds. Die Preise für die anderen Sekundarschulen liegen zwischen gut 100 Euro im Jahr für die staatlichen und 700 Euro pro Jahr für das Eliteinternat Sonrise High School in der Nähe von Ruhengeri.

In den letzen drei Jahren der Sekundarschule bieten die Schulen dann Schwerpunktkombinationen an. Bei uns sind dies Biologie, Mathematik und Chemie (BCM). Am Ende der Schulzeit gibt es dann schuleigene Abschlussprüfungen, die aber eher unwichtig sind. Ausschlaggebend für das weitere Leben sind die National Exams. Diese werden vom Bildungsministerium Mineduc durchgeführt und streng bewacht. (An unserer Schule durch einen Polizisten und einen Soldat mit AK47 die während der ganzen Prüfungsphase auf dem Schulgelände waren) Prüfungsleistungen werden in den Schwerpunktfächern in Theorie und Praxis, sowie in Französisch und General Paper (eine Art Allgemeinbildung/Gemeinschaftskunde) abgelegt. Von den Ergebnissen dieser Prüfungen hängt ab, ob und wo die Schüler nach ihrer Schulzeit studieren dürfen. Die besten dürfen nach Butare an die National University of Rwanda, danach gibt es eine Liste von anderen Universitäten an welche die Kandidaten verteilt werden. Auch die Studienfächer werden damit verteilt: Die besten studieren Medizin, die nächsten Jura und so weiter. Genau konnte mir bisher niemand das System erklären.

Die Korrektur der Prüfungen findet zentral in Kigali statt und dauert Monate. Die Prüfungen des Ordinary Levels waren, wie die National Examinations, Ende Oktober. Für die jetzt bald Senior 4 ist das kein Problem, aber für die Abschlussklasse heißt dies, dass sie erst nächstes Jahr mit dem Studium beginnen können, da das Uni-Jahr bereits in der zweiten Januarwoche begonnen hat.

In der Zwischenzeit müssen die Abiturienten an einem dreiwöchigen Kurs zu Staatsbürgerkunde, Versöhnung und Gesellschaft teilnehmen, dem Itorero oder Ingando. Ich war natürlich noch nie dort, aber im Prinzip ist es ein Ferienlager mit paramilitärischen Aktivitäten, wie etwa MG schießen, Bildungsvorträgen und Freizeitaktivitäten, wurde mir erzählt. Über die inhaltliche Ausrichtung kann ich nichts sagen, Kritik an der Regierung wird in dieser von der Regierung finanzierten Maßnahme aber wohl weniger auf dem Lehrplan stehen.

Ergebnis des Bildungsystems ist demnach, dass die Absolventen aus finanzstarken Familien stammen und einen sehr starken Aussiebungsprozess durchlaufen haben.

Probleme des Systems
Abgesehen vom großen Problem der Finanzierung der Ausbildung der Kinder und Jugendlichen sehe ich zwei weitere Probleme.

Zugang zu Informationen
Die Schüler hier haben nur ein Heft. Bücher sind sehr selten. Wenn es hochkommt haben die Lehrer ein Buch. In der Primarschule funktioniert Unterricht vor allem im Sinne von Vorsprechen und Nachsprechen, obwohl Vorschreien und Nachschreiben besser passen würde. Damit sind die Schüler vollständig davon abhängig was ihnen ihre Lehrer an Informationen geben.

Auch außerhalb der Schule gibt es keinen Zugang zu (freien) Informationen. Der Fernsehsender Rwanda Television ist staatlich und wird nur in einigen Bars gezeigt. Alle Radiosender und alle Zeitungen sind ebenfalls in staatlicher Hand. Lediglich die Umuseso ist nichtstaatlich, wurde jedoch wegen seiner kritischen Berichterstattung auch schon mal drei Monate geschlossen.

Schlechte Lehrerausbildung
Der zweite Punkt ist die schlechte Ausbildung der Lehrer. Um das Millenium Developement Goal im Bereich Bildung zu erreichen wurden vor einigen Jahren viele neue Lehrer eingestellt. Dieses Ziel wird nämlich mit der Einschulungsquote operationalisiert. Diese liegt nach Angaben des UNDP Rwanda derzeit bei 96 %. Um neue Lehrer einstellen zu können wurden die Qualifikationshürden um als Lehrer zu arbeiten herabgesetzt. So müssen Lehrer an der Primarschule lediglich die Sekundarschule abgeschlossen haben, ihre Kollegen, welche an Sekundarschule unterrichten, müssen einen Bachelorabschluss in einem beliebigen Fach vorweisen könne. Ob und wie lange die 96 % der Kinder jedoch in der Schule verweilen kann ich nicht beurteilen.

Zu Beginn des akademischen Jahrs 2009 wurde die Unterrichtssprache von Französisch auf Englisch umgestellt. Dazu gab es für alle etwa 4000 Lehrer in Ruanda einen verpflichtenden drei Wochen dauernden Crashkurs Englisch. Danach sollten sie auf Englisch unterrichten. Jedoch findet die Umstellung für die Schüler schrittweise statt. Die Examen, sowohl das Ordinary Level, als auch das National Exam, finden ab 2011 auf Englisch statt. das bedeutet, dass die Senior 1 und 2, sowie die Senior 4 und 5 ab diesem Jahr ihren Unterricht nur noch auf Englisch haben werden. Meine Kollegen klagen darüber, dass sie nun zum Teil das gleiche Fach auf Englisch und Französisch unterrichten müssen, Bio bei den Senior 2 auf Englisch und die den Senior 3 auf Französisch.

Das Niveau des Englisch der Lehrer ist erschreckend niedrig. Bei einem Test für Lehrer letzten September, 20 Minuten, 40 Multible Choice Fragen, Schnitt ich mit meinem angestaubten Schulenglisch mit der vollen Punktzahl 40 ab. Meine Kollegen kamen auf 25 – 35, selbst jene die in Uganda ein Bachelorstudium, wohlgemerkt auf Englisch, abgeschlossen haben. Ich war übrigens einer von nur vier Lehrern der Nordprovinz (ein gutes Viertel von Ruanda), der mit der Maximalpunktzahl abgeschlossen hat, wurde mir gesagt. Das nur zur Info, nicht zum angeben.

Die Probleme addieren sich somit: Fachlich schlecht ausgebildete Lehrer (ihr habt gemerkt, pädagogische Ausbildung kam bisher gar nicht vor) müssen nun auf einer Sprache unterrichten die weder sie, noch die Schüler, beherrschen.

Politische Dimension
Die ganze Sprachumstellung hat auch noch eine politische Dimension. Ruanda will mit Dienstleistungen in den Weltmarkt, oder zumindest mal in der East African Community fußfassen. Da ist Englisch natürlich eine Eintrittskarte. Dazu ist Ruanda seit Ende November 2009 auch Mitglied des Commonwealth of Nations. Da ist diese Umstellung verständlich und wird auch damit begründet.
Was aber auch mitschwingt ist eine andere: Die derzeitige Regierung und auch die Geld und Einflusselite in Ruanda besteht aus vielen nach dem Genozid und dem Bürgerkrieg zurückgekehrten Flüchtlingen, vor allem aus Uganda, die in den 1960ern und 1970ern dorthin geflüchtet waren. Damit sprechen die Kinder der Rückkehrer, die jetzigen Schüler, in der zweiten Generation Englisch und haben damit einen unglaublichen Vorteil. Das bedeutet, dass die jetzige Elite ihre Vorherrschaft für die nächsten Jahre sichert und damit die ländlichen Regionen noch stärker als bisher von Bildung und damit von Einfluss und Wohlstand ferngehalten werden.

Noch besorgniserregender wird die Überlagerung der Konfliktlinen Stadt/Land, hohes Bildungsniveau/niedriges Bildungsniveau, Rückgekehrte Flüchtlinge/Permanent in Ruanda lebende und politisch Einflussreiche/politisch Marginalisierte mit den Gruppen im Völkermord 1994. Ob es nun damals soziale Klassen, Ethnien oder was auch immer waren, nun sind es Bildungs- ,Einkommens-, und Einflussunterschiede die Ruanda teilen.

Jedoch tritt dieses Problem nicht offen zu Tage, da es verboten ist die Begriffe der Gruppen, die zur Zeit des Völkermords bestanden, zu benutzen. Eine Diskriminierung kann aber auch im Verborgenen geschehen.

Dieser Beitrag wurde am Samstag, 23. Januar 2010 um 08:30 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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4 Comments »

  1. Hallo Raphael,
    da kann ich nur hoffen, dass Sponsoren für Schulbesuche gefunden werden.
    Gibt es denn so etwas wie Bildungspläne? Die Ausbildung der Lehrer wäre natürlich auch interessant. Weshalb und wie sind Deine Kollegen Lehrer geworden?
    Ich freue mich immer wieder über Deine verschiedenartigen Artikel.
    Sei ganz lieb gegrüßt und gedrückt
    Franziska

    Comment: Franziska – 23. Januar 2010 @ 19:17

  2. Hi Rapha,

    ich kann mich Franziska nur anschließen: Deine Artikel sind immer wieder informativ und kurzweilig zu lesen. Keep it up!

    Übrigens will ich in nächster Zeit auch wieder bloggen. Der neue Blog entsteht zwar gerade erst (URL anbei), aber bald sollte ich alle früheren Posts (auch noch aus Berlin) importiert haben. Magst du die URL bei dir einbinden? Ich will bei mir auch noch Links zu anderen Blogs einfügen.

    Herzliche Grüße

    Christoph

    Comment: Chris – 23. Januar 2010 @ 19:53

  3. […] interessanter Artikel zum Thema Bildung in Ruanda findet sich auf dem Blog von Rapha. Er ist auch als Freiwilliger im […]

    Pingback: linus.in/ruanda » Blog Archiv » 1500 zu 21 – 04. Februar 2010 @ 15:06

  4. […] dazu auch hier: Bildung in Ruanda auf http://www.rapha-in-ruanda.de Jon Rosen bringt es auf den Punkt. Etwas überhastet, aber entschlossen ändert Ruanda die […]

    Pingback: rapha in ruanda » GlobalPost: Rwanda moves to English, drops French | rapha in ruanda – 04. Januar 2011 @ 10:21

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