Auf dem Gipfel Ruandas

img_9514Jeden Morgen wenn ich meinen Kaffee im Innenhof genieße sehe ich die großen Virunga Vulkane in den Himmel ragen. Schon von Anfang an war mir dabei klar: Ich muss da hoch. Schöner ist so eine Gipfelbesteigung natürlich zusammen mit Freunden, darum war die Gelegenheit günstig, als Daniel und Julia zu Besuch waren und das dazu benötigte Zelt mitbrachten. Wir dachten uns: Wenn schon einen Vulkan besteigen, dann auch den Höchsten. Mount Karisimbi 4507 Meter Meereshöhe, 2500 Meter Aufstieg an zwei Tagen. So eine Aktion sollte gut vorbereitet und geplant sein.

Zuerst kann man natürlich nicht einfach so einen Nationalpark betreten. Wer so etwas, auch noch als Ausländer, wagt bringt schnell die Beziehungen zwischen dem Herkunftsland und Ruanda ins wanken. Natürlich war dies nicht in unserem Interesse und wir meldeten uns brav beim ORTPN. Wobei „melden“ dem Aufwand nicht ganz gerecht wird. Eigentlich kann man Touren in den Virunga Nationalpark nur im Hauptbüro in Kigali buchen. Erst auf den Hinweis hin, dass ich in Ruhengeri wohne, war es möglich, vom Büro in Kinigi aus zu buchen. Nicht per Telefon, sondern durch persönliches Erscheinen mindestens zwei Tage vor der Tour. Leider war bei unserem Versuch der zuständige Mitarbeiter nicht da und ich musste nochmals am Tag darauf mit dem Moto nach Kinigi zu fahren.

img_9529Die Preise für die Tour auf den Karisimbi stehen derzeit bei 175 Dollar für Touristen und 125 Dollar für foreign residents, wie ich einer bin. Darin enthalten sind die Park Eintrittsgebühren von 25 Dollar, sowie die Begleitung durch einen lokalen Guide. Was zusätzlich organisiert werden muss sind Transport zum Büro in Kinigi am Morgen des ersten Tages, sowie der Weitertransport zum Start der Tour. Der zweite Teil der Fahrt ist nur mit einem Geländewagen oder einem Motorrad möglich. Nicht vergessen: Der Guide muss da auch irgendwie hinkommen. Wir fuhren mit einem Taxi nach Kinigi und wurden dort zum Glück von drei Holländern mit deren Land Cruicer mitgenommen.

Am Startpunkt etwa 15 km vom ORTPN in Kinigi entfernt wurde uns gesagt, dass es möglich sei, sein Gepäck von Trägern für 5000 Francs am Tag zum Camp auf 3500 Metern hoch tragen zu lassen. Während die Holländer dies in Anspruch nahmen, dachten wir uns, dass wir es schon hinbekommen würden, unsere sowieso auf Gewichtseinsparung gepackten Rucksäcke, nach oben zu tragen. Auch am Eingang des Parks wurden wir darüber informiert, dass uns Soldaten begleiten, welche uns vor wilden Tieren beschützen sollen. Unser Track bestand damit aus sieben Soldaten, fünf Trägern, einem Guide, drei Holländern und uns drei.

Von Anfang an war der Aufstieg beschwerlich. Zwar war ein klarer Trampelpfad zu erkennen, jedoch war der Untergrund morastig und damit schwer zu begehen. Dazu kam die Steigung und vor allem die Höhe. Der Startpunkt soll etwa 2500 Meter hoch gelegen sein, jedoch im Vergleich zu Ruhengeri, welches 1700 Meter ü. N.N. liegt, glaube ich, dass es niedriger war. Erst ab der ersten Rast hat der Holländer sein GPS-Gerät zum laufen gebracht. Da waren wir schon auf 2967 Metern.

img_9544Neben den Anstrengungen war der Aufstieg auch ein schönes Naturerlebnis: Alte Bäume, scheinbar verziert von Ranken und Flechten, Bachläufe, Vogelgezwitscher und kniehohe Gräser. Nach drei Stunden Wanderung und inzwischen weit über 3000 Meter Höhe nahm die Anstrengung weiter zu. Wir wanderten durch einen tiefen Morast und stiegen weiter auf kleinen Trails den Berg hinauf. Daniels Herz raste und sein Atem war sehr schnell. Julia war erschöpft. Ich kämpfte mit dem Atmen und versuchte dadurch meinen Herzschlag zu kontrollieren.

Nachmittags um vier Uhr waren wir dann am Camp angekommen. Es bestand aus einer überdachten Holzplattform, auf welcher wir unsere Zelte aufstellen konnten, einer kleinen Hütte für den Guide, sowie zwei Feuerstellen. Einer für die Träger und eine andere für die Soldaten. Wir stärkten uns mit Bananen, Käsebrot und Tomaten und bauten unser Zelt auf. Dabei staunten wir nicht schlecht was die Holländer alles auspackten: zwei fünf Liter Kanister Wasser, Töpfe, unmengen an Klamotten, Wanderstöcke, … Zum ersten Mal fragten wir uns ob wir zu schlecht ausgerüstet waren. Wir hatten jeder nur einen Satz Klamotten dabei. Dazu natürlich Fleeces und Wechselshirts und –socken. Für nachts warme Schlafsäcke und Isomatten.

Abends saßen wir mit den Hölländern und ein paar Soldaten am Feuer. Dabei kamen wir auch in den Genuss von der holländischen Rundumversorgung: Mit dem Topf wurde auf dem Feuer Wasser zum kochen gebracht, mit Milchpulver und Kakaopulver versetzt und mit einem Schluck Whiskey abgerundet. Welch ein Schlummertrunk.

Leider klappte das mit dem Schlafen nicht so richtig gut. Wir wussten, dass schlafen auf ungewohnten Höhen schwierig war, aber dazu kam noch, das Daniel und ich schwitzten, während Julia fror. Zudem pochte bei jedem umdrehen im Schlafsack das Herz wie nach einem 100-Meter Lauf.

Morgens um fünf Uhr, also noch vor Sonnenaufgang weckte uns unser Guide. Um sechs Uhr ging es nach einem kurzen Frühstück in den ein wenig klammen und kalten Klamotten im Nieselregen los. Von Anfang an anstrengend. Julia fühlte sich schlapp und musste immer wieder durchatmen. Ihr machte die Höhe zusehends zu schaffen. Nach etwa einer Stunde ging nichts mehr und sie beschloss umzudrehen. Daniel ging mit ihr zurück. Ich ging nach einer kurzen Nachfrage weiter. Die Gruppe spaltete sich. Der Holländer ging voran, ich folgte ihm mit seiner Frau. Mit etwas Anstand folgte die andere Holländerin. Unser Guide musste auch umkehren, sein Magen machte ihm Probleme. Wir alle wurden von Soldaten begleitet. img_9606Meiner hieß James und sprach ein bisschen Englisch. Nach 2 Stunden und GPS gemessenen 600 Höhenmetern wurde aus dem Regen erst Graupel und später Schnee. Dazu waren wir noch im schwersten Stück des Aufstieges. Auf einem Schlammpfad ging es über, unter und zwischen umgestürzten Bäumen umher. Es war mehr ein Klettern als ein Wandern. Erst über 4200 Meter lichtete sich der Wald und unter der dünnen Schneedecke war nur noch ruppiges Gras zu sehen. Inzwischen wanderte ich mit James alleine. Alle anderen waren außer Sichtweise. Ich konzentrierte mich darauf, immer wieder eine Banane zu essen und genug zu trinken. Mein Körper war relativ erledigt, jedoch waren meine Hände noch warm und die Füße noch trocken. Die letzte halbe Stunde war jedoch trotzdem ein Kampf. Als mit der Holländer entgegen kam war mir dann trotzdem ziemlich kalt. Inzwischen war ein Gewitter aufgezogen und aus der Ferne waren Donnergrollen zu hören. Der Holländer meinte es wäre zu kalt gewesen um oben zu warten und dass er absteigen würde. Ich beschloss mit meinem Soldaten hoch zu gehen. 5 Minuten später war ich auf dem Gipfel. Alles was ich dort gesehen habe war eine große Antenne mit ein paar wenigen Containern drum herum. Mitten in der Wolke war nicht mehr an Aussicht drin. Ein Blitz schlug neben mir in die Antenne ein. Das war das Zeichen: Absteigen. Ich band mein Halstuch um meine linke Hand, welches ich aus dem Rucksack holte dessen Reisverschluss ich mit den Zähnen öffnen musste, da meine Hände zu kalt waren. Auf dem Rückweg traf ich die beiden holländischen Frauen die langsam und gemächlich dem Gipfel entgegen liefen. Mir war kalt. Ich versuchte schnell abzusteigen, schlitterte ab und zu ein wenig den Berg hinunter. Erst ab 4000 Metern wurde ich langsamer, es wurde weniger kalt.

img_9613Während der Aufstieg 3 Stunden gedauert hatte war ich 90 Minuten nach dem Gipfel wieder im Camp. Der Holländer war schon eine halbe Stunde da, die beiden Holländerinnen kamen fast eine dreiviertel Stunde nach mir. Daniel und Julia waren gut gelaunt, aber auch ein bisschen erschöpft. Als alter Radfahrer rat ich ihnen zu genügendem Essen. Julia verschmähte jedoch ihr Käsebrot.

Um 12 Uhr begannen wir abzusteigen. Irgendwie kam uns das Terrain nicht so steil vor wie beim Aufstieg am Tag zuvor. Auch die Landschaft war viel freundlicher. Der inzwischen wieder genesene Guide scherzte und stellte Quizfragen zur Pflanzenkunde und Tierspuren. Nach knapp 3 Stunden waren wir wieder am Fuß des Berges. Die Holländer brachten uns mit ihrem Auto noch nach Kinigi von wo aus wir dann mit dem Bus nach Hause fahren konnten.

Insgesamt war es eine tolle Erfahrung. Der einzige Wehmutstropfen war, dass Daniel und Julia nicht auf dem Gipfel sein konnten. Das zeigt jedoch, dass Höhen über 3000 und erst Recht nicht über 4000 Meter nicht ganz einfach für den Körper sind. Die beiden waren da ja auch erst eine Woche in Ruanda und damit gerade so an die Höhe hier gewöhnt. Bilder von unserer Tour sind in der Galerie zu finden.

Schwierig war es im Vorfeld Informationen zu der Tour zu bekommen. Übers Internet war nur raus zu finden, dass man die Tour machen kann und was es kostet. Im ORTPN Office haben sie lediglich gesagt, dass wir ein Zelt und Essen und Trinken für uns mitbringen mussten und für den Transport für uns und einen Guide sorgen sollten. Um für zukünftige Trecker ein Paar Fragen zu beantworten gibt es hier noch ein: „Was muss ich vorher wissen?“

Ich will den Karisimbi besteigen: Was muss ich wissen:

Buchen: Beim ORTPN Büro in Kinigi. Preise: Touristen 175 Dollar, Foreign Residents 125 Dollar. Bezahlung auch in Euro möglich. Mindestens zwei Tage vor der Tour buchen.

Transport: Selbst zu organisieren ist die Fahrt aus der Stadt nach Kinigi und von Kinigi zum Abmarsch. Letzteres über eine unglaublich schlechte Straße. Für das kleine Budget würde ich Motos aus der Stadt buchen. Kosten vielleicht so 5000 Francs. Die Fahrgelegenheit für den Guide nicht vergessen. Und natürlich auch an die Rückfahrt denken.

Ausrüstung: Zelt, Essen und Trinken ist klar. Auch daran denken, dass es oben kalt sein kann. Bei uns vielleicht minus zehn Grad. Dazu sind gute Wanderschuhe unverzichtbar. Klamotten zum Wechseln, Regenjacke, warmer Schlafsack. Dazu vielleicht einen kleinen Topf um auf dem Lagerfeuer Wasser warm zu machen. Und vielleicht auch den Gipfelschnaps.
Wenn man seine Ausrüstung packt sollte man auch Wissen, das es möglich ist für 5000 Francs pro Tag einen Träger zu mieten.

Dieser Beitrag wurde am Sonntag, 03. Januar 2010 um 19:21 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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2 Comments »

  1. Wahnsinn!
    Und ja: Gipfelschnaps oder auch -whisky ist wichtig! 🙂

    Mein Wandererlebnis zwischen den Jahren führte mich zum Berghotel Schwarenbach in der Mitte des Gemmipasses in der Nähe Kanderstegs (Berner Oberland). Während die Strecke im Sommer nicht zu den, obgleich natürlich klasse, schönsten gehört, ist es im Winter ein geiles, verschneites Panorama. Ich denke ich werde in naher Zukunft darüber bloggen.

    Comment: Dominik – 07. Januar 2010 @ 13:46

  2. […] Nationalpark-Verhältnisse ein sehr günstiger Eintritt wenn man es mit dem Nyugwe oder dem Virunga vergleicht. Zusätzlich mussten wir allerdings noch für unsere Fahrer und die Autos […]

    Pingback: rapha in ruanda » Akagera National Park – Da wo die Giraffen wohnen | rapha in ruanda – 30. März 2010 @ 15:44

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