Geburtstag in der Ferne

rwanda-2009-27628 Jahre alt. Oh mein Gott. In den letzten Tagen ist mir immer wieder aufgefallen, dass ich langsam aber sicher alt werde. Hier wird das Ganze noch ein bisschen realer, da ich mit vielen jungen Leuten zusammen bin. Ich meine damit nicht nur meine Schüler, sondern vor allem auch die anderen deutschen Freiwilligen. Das hat mich jedoch nicht davon abgehalten, letztes Wochenende eine schöne Party zu schmeißen.

Dieses Wochenende, das eigentliche Geburtstagswochenende, sollte deswegen ein bisschen ruhiger werden. Wegen meines Ferienjobs bei welchem ich für den Zivilen Friedensdienst des DED am Great Lakes Youth Summit teilnehme und einen Evaluierungsfragebogen für Veranstaltungen zur friedlichen Konfliktlösung erarbeite bin ich seit letztem Mittwoch in der ruandischen Hauptstadt Kigali. Eigentlich wollte ich hier ein paar ruhige konzentrierte Arbeitstage verbringen und altersentsprechend in das neue Lebensjahr starten. So richtig hat das jedoch nicht geklappt.

rwanda2009270Freitagabend war die Preisverleihung des GTZ Photowettbewerbs im Novotel in Kigali. Ich wusste vorher, dass einer unserer Schüler den 10. Platz in einer der beiden Kategorien gewonnen hat. Wir haben also für die Anreise und Unterkunft für mich und diesen Schüler 20.000 Francs bekommen. Ich habe beschlossen alle fünf teilnehmenden Schüler nach Kigali einzuladen.
Die Preisverleihung sollte um 17 Uhr anfangen, die Schüler um 17 Uhr ankommen, also war klar, dass die Sache knapp werden würde. Als nach mehrmaligen Nachfragen klar war, dass die Schüler, die an dem Tag ihre letzte Prüfung des National Exams hatten, erst um halb 7 Uhr hier ankommen würden war klar, dass wir zu spät sein würden. So war es dann auch, als wir um 19 Uhr am Novotel ankamen. Alles wurde bereits abgebaut und die meisten Gäste waren schon wieder gegangen. Wir bekamen dennoch eine Fanta und schauten uns die Ausstellung an. Für zwei der Schüler war es das erste Mal in Kigali und für alle das erste Mal in einem Haus mit Aufzug. Also alle rein und ganz nach oben gefahren. Der Ausblick war super und auch die erstaunten Blicke und Geräusche der Schüler beim Aufzug fahren waren einzigartig.
Das nächste Ziel war das schöne und gleichzeitig günstige Restaurant Bel Air im Herzen von Kigali. Nachdem das Budget längst aufgebraucht war, habe ich mich entschlossen alle auf ein Abendessen und ein Bier einzuladen. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch klar, dass es in keinem für mich bezahlbaren Hotel oder Hostel einen Platz zum schlafen für die fünf gab. Auf meine Nachfrage löste sich das Problem vermeintlich jedoch schnell: Zwei der Schüler wohnten mit ihren Familien in Kigali. Je näher der Zeitpunkt des Abschieds aber kam umso unruhiger wurden die Schüler. Erst auf dem Weg zum Taxi meinte einer: „Wir haben unseren Eltern erzählt, dass wir hier im Hotel übernachten. Wenn wir jetzt nach Hause gehen, dann glauben sie wir haben sie angelogen.“ Auch mein Einwand, dass die Hotels voll seien und es mein Fehler gewesen ist und nicht ihrer tröstete sie wenig. Ich war ganz schön durcheinander und überfordert. Ich sah aber keine Möglichkeit sie irgendwo anders unter zu bringen oder die Situation sonst irgendwie zu lösen. Also steckte ich sie schlechten Gewissens ins Taxi.
Ich habe mich in dem Moment sehr schlecht gefühlt und diese Situation hat mich noch den ganzen Abend belastet.
Ich bin dann mit Simone, die hier gerade für ihre Doktorarbeit recherchiert, und zwei anderen Deutschen, die hier für eine Firma arbeiten die Geldautomaten aufstellt und wartet, ins Sun and Moon gegangen um dort Bier zu trinken und Menschen beim Salsa tanzen zuzuschauen. Später sind wir dann noch in eine Bar in welcher kongolesische Livemusik gespielt wurde.

Am Samstagmorgen bin ich dann nach Kimisagara ins Maison de Jeune, einem Jugendhaus wie der Name schon sagt, um dort am Great Lakes Youth Summit teilzunehmen. Mittags habe ich mich, wieder im Sun and Moon, mit drei anderen Freiwilligen, Klara, Roxana und Hannah, zum Mittagessen getroffen. Dann sollte der Tag spannend werden.

bild026Nach dem Essen bekam ich plötzlich starke Bauchschmerzen. Außerdem war mir schlecht. Ich bin aufs Klo, hatte dort das Gefühl welches man hat, bevor man sich übergibt, aber alles blieb drin. Zurück am Tisch bekam ich am ganzen Körper quaddeln, wurde rot. Wieder zurück auf die Toilette. Dort wurde dann mein Kreislauf schwach, ich sah nichts mehr und begann stark an zu schwitzen. Ich hatte ein wenig Angst nicht mehr zurück zu kommen und hangelte mich an der Wand entlang zum Ausgang. Dort konnte ich nur noch laut klatschen und pfeiffen und setzte mich auf den Boden. Zum Glück hatten mich die anderen gehört und kamen zu mir.
Ich bat sie einen Krankenwagen zu rufen. In Deutschland kein Problem: 110 und die Sache läuft. Hier allerdings nicht so einfach: Wie ruft man eigentlich einen Krankenwagen? Und in welches Krankenhaus soll er fahren? Ich entschloss mich erstmal sitzen zu bleiben und mit einem Arzt des DED der in Butare arbeitet zu telefonieren. Ich schilderte ihm meine Symptome und mein Gefühl. Er meinte solange ich keine Atembeschwerden hätte und kein Problem beim Schlucken wäre die Situation unter Kontrolle. Er buchstabierte mir den Wirkstoff eines Kortison Medikaments und eines Antihystaminikums.

Nach 20 Minuten konnte ich mich mit den anderen zu einer Apotheke schleppen und dort die Sachen kaufen. Mit dem Taxi zurück in Apabena nahm ich die Medikamente und habe mich ins Bett gelegen und 3 Stunden geschlafen. Als ich aufwachte ging es mir besser. Die meisten der Hautausschläge waren weg und mein Kreislauf stabil. Ganz schön verrückt wie schnell der Körper austicken kann und auch wie schnell er sich wieder erholt. Was mich wirklich  überrascht und gefreut hat, ist, dass trotz der Tatsache, dass mein Körper völlig versagt hat, mein Kopf weiter gut funktionierte und ich so richtig reagieren konnte.

Achso euch interessiert sicherlich was das ganze ausgelöst hatte: Mein Verdacht, es sei das essen gewesen hat sich nicht bestätigt. (Ich hatte extra jemand von den Mädels in die Küche geschickt um dort zu notieren was alles auf der Pizza drauf und an der Pizza dran war.) Es waren Böse Stoffe, wahrscheinlich Weichmacher und Parfüme, die in einem neuen Hemd waren, welches mir meine Schwester geschenkt hatte. Der Arzt aus Butare meinte die Reaktion könnte auch dann erst auftreten wenn ich das Hemd schon ein paar Stunden getragen habe. Durch das scharfe Essen wird die Schweißbildung angeregt und damit reagieren die Stoffe mit dem Körper. Die allergische Reaktion beginnt.

Am Abend war dann alles wieder gut. Lediglich meine Hände waren so geschwollen, dass man selbst wenn ich meine Faust ballte keinen Knöchel sehen konnte. Dennoch saßen wir am späteren Abend draußen und haben Gitarre gespielt und gesungen. Ich habe diese Situation sehr genossen und mich wohl gefühlt. Ein gelungener Abschluss eines sehr komischen Geburtstages. Ich glaube man wird erst dann alt, wenn man nichts mehr Neues zu erzählen hat.

Ich möchte allen danken die mir geschrieben und mich angerufen haben. Allen die an mich gedacht haben und mich auch so unterstützt haben. Ganz herzlichen Dank auch an Klara, Roxana und Hannah, die sich so gut um mich gekümmert haben und natürlich an meine Schwester Johanna, ohne die ich keine so spannende Geschichte hätte erzählen können und kein so schönes Hemd besitzen würde.

Dieser Beitrag wurde am Montag, 16. November 2009 um 17:05 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

«  –  »

4 Comments »

  1. Ich bin ja froh, dass alles so gut ausgegangen ist.
    Unglaublich wie der Körper reagieren kann…..

    Was ist denn mit den Jungs? Hast du von denen nochmal was gehört?
    War denen auch klar, dass du schon viel aus deiner eigenen Tasche bezahlt hast?

    Comment: Michi – 16. November 2009 @ 22:35

  2. von den jungs hab ich seither nichts mehr gehört. ich nehme an, dass alles gut ging.
    sie wussten schon, dass ich das alles selber bezahlt hab. und sie wissen auch wie viel. etwa 30.000 francs, knapp 40 euro. das ist ein drittel eines monatsgehalt eines lehrers hier. und knapp ein fünftel von meinem. Ich glaube sie haben nur nicht gerafft, dass es auch für mich relativ viel geld ist.

    Comment: rapha – 17. November 2009 @ 18:50

  3. Sorry!!!!
    Schön, dass es dir wieder besser geht 😉

    Comment: Johanna – 17. November 2009 @ 21:00

  4. Oh man, oh man, wie ich ja immer sage, wenn man mit 28 morgens aufwacht und es tut einem nichts weh…
    Aber irgendwie putzig, dass Dein Körper mitten in Afrika austickt und Grund ist nicht irgendein fieser Afrika-Virus oder schlechte Hygiene, sondern ein Hemd aus Europa!

    Comment: Birgit – 18. November 2009 @ 08:05

Leave a comment

 

Powered by WordPress – Design / Umsetzung: Daniel Lienert