Achtung Diebstahl!

Bild: Archiv

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Wie in dem kleinen Bericht über die Botschaftsparty schon angeklungen ist, hab ich bei der anschließenden Diskotour mir mein Handy entwenden lassen. Als ich heute Morgen vom Kaffee holen bei den Priestern zurück kam war auch das Ersatzgerät nicht mehr aufzufinden. Auch das Ladekabel hat gefehlt. Schnell war mir klar, dass jemand über die Mauer meines Innenhofs geklettert sein muss und das Handy mitgenommen hatte. Genug Gründe die beiden Geschichten mal ein bisschen genauer zu erklären. Dabei will ich gleich mal allgemein was zum Thema Diebstahl und Verbrechen in Ruanda sagen. Aber eins nach dem Anderen.

Um halb 3 Uhr nachts am 03.Oktober im Taxi auf der Rückfahrt zu Apabena, meinem Kigali Domizil, war plötzlich mein Telephon nicht mehr aufzufinden. Auch alle Anklingel-Versuche halfen nichts, es klingelte zwar am anderen Ende der Leitung, nicht aber in irgendeiner Tasche oder dem Taxi. Am nächsten Morgen rief ich meine Nummer nochmals an. Diesmal antwortete jemand. Mein Gegenüber meinte er will Geld, was ich ihm umgehend versprach. Treffpunkt sollte um 10 Uhr vor der Disko sein, in welcher das Handy wegkam. Also zog ich mit Mattes dort hin und wartete. Als es halb 11 Uhr war rief ich erneut an. Auf der anderen Seite hieß es, dass er gleich da sei. Um 11 Uhr war dann das Handy aus und niemand war da. Ich nehme an, der Akku war leer, er war am Abend vorher schon recht schwach gewesen. Nach einer weiteren halben Stunde gaben Mattes und ich auf. In der Stadt bin ich dann zur Polizei. Mir wurde gesagt, die können das Handy orten. Sie empfahlen mir eine SIM-Swop. Damit überträgt man die Nummer auf eine neue Karte. Ich fand die Idee nicht so prickelnd, da wir ja so keinen Kontakt zum jetzigen Besitzer, wichtige Unterscheidung zum Eigentümer, herstellen konnten. Sowohl der Polizist, also auch der MTN Mensch empfohlen es mir aber. Tage später stellte ich dann in Ruhengeri die Anzeige. Nur um zu erfahren, dass ich damit zu MTN nach Kigali gehen müsse. Dort im MTN-Center machte ich zum ersten Mal die Bekanntschaft mit der sogenannten IMEI-Nummer. Dieser 15-stellige Code identifiziert ein Mobiltelephon eindeutig und wird wohl auch an den Netzbetreiber übermittelt und von diesem gespeichert. Leider hatte ich meine nicht zur Hand und so haben meine Mutter und ihr Freund meine Kisten am Bodensee nach Rechnungen oder dem Originalkarton des Handys durchsucht. Vergeblich. Mit der Hilfe von Michi, der bei der Vodafone-Hotline angerufen hat habe ich versucht, die Nummer von meinem deutschen Netzbetreiber zu erfahren. Fehlanzeige. Schon ein wenig resigniert traf ich im DED Büro einen Ruander, der meinte es gehe auch ohne IMEI, über Beziehungen eben. Auch die Polizeianzeige wollte er nicht haben. Auf mein Nachfragen letzte Woche meinte er nur: Rapha ich brauch noch ein paar Tage, aber keine Sorge. Die Logik dahinter ist einleuchtend: Wenn das Handy jetzt die IMEI überträgt, dann hat sie es schon gemacht, als ich nicht nur Eigentümer sondern auch Besitzer war. Diese wird wohl bei MTN gespeichert und kann nun meiner Nummer zugeordnet werden.

Jedenfalls ist das Handy bis jetzt verschollen. Glücklicherweise haben mir die beiden Butare-Mädels Lilli und Roxana ausgeholfen. Rox gehört das Handy, Lilli hat es benutzt. Danke auch noch mal von dieser Stelle. Auch wenn der Verlust der Nummern und der SMS der letzten beiden Jahre bleibt, konnte ich wenigstens damit Telefonieren und ins Netz. Bis heute Morgen eben.

Ich erinnere mich, dass ich das Handy zum laden an die Steckdose in meinem Innenhof gehängt habe als ich zu den Priestern gegangen bin um Brot und Kaffee für mein Frühstück zu holen. Als ich zurück kam war beides Weg. Nach 5 Minuten suchen habe ich bei meinen Nachbarn geklopft, ob sie mich denn mal Anklingeln können. Am anderen Ende läutete es, jedoch nirgends in meiner Wohnung. Die Waschfrauen meiner Nachbarn hatten nichts gesehen. Ich muss vielleicht dazu erzählen, dass mein Innenhof von einer gut zwei Meter hohen Mauer umgeben ist, über die man mit ein bisschen Hilfe gut rüber kommt. Also lag der Verdacht nahe, dass es irgendjemand mitgenommen hat. Ich ging mit meinen beiden Kollegen Jean-Paul und Desiree auf die Suche. 10 Meter hinter meinem Haus stand ein Junge der auf eine Ziege aufgepasst hat und für diese Graß schnitt. Er meinte auf unsere Nachfrage nichts gesehen zu haben. Nach drei Minuten auf Kinyarwanda viel ihm dann doch was ein: Er hatte in Kavaguma, dem nächstgelegenen Dorf, jemand mit dem Handy gesehen. Ich hab mich auf dem Weg dahin ein bisschen gewundert, wie er denn in einem Kilometer Entfernung was gesehen hat und dann so schnell hier her gelaufen ist mit seiner Ziege. Seit dem Verschwinden waren höchstens 20 Minuten vergangen. Also sind wir zusammen nach Kavaguma. Dort meinte Desiree, das der Junge Desirees Houseboy mit dem Telephon gesehen hatte. Dieser spazierte uns dann auch gleich in die Arme. Mit dem Telephon in der Hand. Das Ladekabel war in seiner Tasche. Nachdem sich um uns alle schon eine Menschentraube gebildet hat, oder besser, die Menschentraube die da immer steht sich zu uns bewegt hatte, schlug ich vor, zusammen zurück zu gehen. Auf dem Weg ist mir dann aufgefallen, dass meine SIM-Karte nicht im Handy war, sondern in der Tasche der Houseboys.

An meinem Haus brach ein Wortgefecht zwischen dem Jungen und dem Houseboy aus. Jean-Paul lachte. Der Houseboy hatte erzählt, dass er dem Jungen mit der Ziege geholfen hat in meinen Innenhof zu kommen. Ich hab die beiden das mal nachstellen lassen. Hat gepasst. Der Houseboy wäre da nicht rein gekommen alleine. Also war die Schuld klar verteilt: Houseboy schuld, kleiner Junge nur angestiftet worden. Ein Freund von Desiree, Josef, begann an einem Baum einen Ast abzubrechen, Desiree drehte den Houseboy um, der kleine Junge fing an zu weinen. So werden in Ruanda Diebe bestraft: Der Mob regelt das. In einer krasseren Variante auch auf dem Blog von Mattes zu lesen. Ich habe mit Desiree gesprochen und gesagt: We are intelligent people, we don´t hit boys. Desiree war glaube ich zwar nicht überzeugt, aber er hat es nicht gemacht. Er antwortete nur: But I can´t live any longer with this man. Er hat ihn also rausgeworfen, den 14-jährigen Houseboy. Ich hatte mein Handy wieder und konnte endlich Frühstücken.

Losgelassen hat mich das Thema aber heute den ganzen Tag nicht. Sehr selten wird hier bei Diebstahl die Polizei eingeschaltet. Das wird unter den Leuten geregelt, meistens mit Gewalt, manchmal auch mit Handel: Einem Freund von mir ist hier aus einem Bus sein Rucksack geklaut worden. Die Busgesellschaft hat sich drum gekümmert und die einzelnen Teile zurück gekauft. Sie meinten sie kennen die Diebesbanden. Und in der Tat: nach zwei Wochen war bis auf ein paar Kleidungsstücke wieder alles da, der Rucksack inklusive IPod Boxen und dem ganzen anderen Rest.

Bei solchen Situationen schaue ich immer zurück auf unser rechtstaatliches System in Deutschland. Hier geht man zur Polizei und die suchen dann danach, finden es manchmal und so werden Gesetzesbrecher abgeurteilt. Das System ist sicher nicht so effektiv wie in Ruanda, aber es basiert auf Regeln die für alle gleich sind. Der Staat stellt fest was strafbar ist und welche Bestrafung angemessen. In dem System hier funktioniert das nicht. Hier wird nicht jeder gleich behandelt vor dem Gesetz und vieles geschieht inoffiziell. Bei einer solchen Mentalität wird es hier auf Jahre hinaus keine Rechtssicherheit und Gleichbehandlung geben. Dies schadet meines Erachtens aber auf Dauer der Entwicklung, da so Investitionen unsicher bleiben und sich kein positives Sozialkapital bilden kann. Wenn man weiß, dass die Dinge hier so laufen kann man das natürlich auch mit Gefälligkeiten und Korruption ausnutzen.

Dieser Beitrag wurde am Montag, 02. November 2009 um 18:48 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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4 Comments »

  1. Hallo Rapha! Ich bin ja Experte, was Beklautwerden angeht: Kamera, Laptop, Rasierer, Geld, Jacken, Gepäck… Allerdings ist es in Europa auch nicht so, dass sich die Polizei dafür interessieren würde. Sie nehmen den Fall auf, aber solange das nicht wirklich wertvoll ist, unternehmen sie rein gar nichts. Von Suchen kann keine Rede sein. Wenn man Glück hat, wird es dann zufällig gefunden (wenn es offenbar sowieso kaum Wert hatte) oder hat man eine Versicherung, die für den Fall zahlt. Üblicherweise ist man aber nur gegen Einbruchdiebstahl oder Raub versichert und im Zweifelsfall ist es dann einfacher Diebstahl, man kann es nicht Beweisen oder man hat die Gegenstände nicht „im persönlichen Gewahrsam mitgeführt“, so dass das dann doch nichts wird. Das soll jetzt kein Plädoyer für Selbstjustiz sein, wenn man aber die Möglichkeit hat den Täter ausfindig zu machen, ist es ja schonmal super, wenn man seine Sachen zurück bekommt…

    Comment: Frank – 02. November 2009 @ 19:48

  2. Krass krass,
    Das die nicht den Laptop und so mitgenommen haben. Wahrscheinlich haben die dafür einfach viel weniger nutzen.

    Hast du eigentlich irgendwie ein komisches Gefühl, dass jemand einfach in dein Haus eingestiegen ist?

    Comment: Michi – 02. November 2009 @ 19:54

  3. Mir hat auch gestern in Windhoek jemand versucht mein Handy aus der Tasche zu klauen. Hat sich aber selten dämlich angestellt… mich angerempelt und dabei ganz laut und auffällig gehustet. Habs gemerkt und ihn verjagt. Es leben die ungeschickten Diebe!

    Comment: Evi – 03. November 2009 @ 11:00

  4. Herzlichen Glückwunsch zur gelungenen Differenzierung zwischen Eigentümer und Besitzer, Herr Kollege 🙂

    Comment: Birgit – 11. November 2009 @ 13:44

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