Tag 125

9d3t0623kb__dailyprophetde1Die neue Regierung in Deutschland wird 100 Tage Schonfrist haben bevor alle sie beginnen werden zu bewerten. Sie werden schauen ob die Reformen in die richtige Richtung gehen. Da Ruanda nachgesagt wird, dass hier alles ein bisschen länger dauert, was natürlich nicht in allen Belangen zutrifft, werde ich meine erste kritische Auswertung nun nach 125 Tagen machen. Dieser Umstand ist vor allem aber auch meinen kleinen Zeitbudget in den letzten Wochen geschuldet.

Meine Fragen für diese Auswertung werden folgende sein: Land und Leute: Wie komme ich zurecht, wie schätze ich es hier ein. Arbeit: Was tue ich und wie gefällt mir das? Leben: Wie ist mein Leben zurzeit, von was wird es geprägt? Ich: Wie sind meine Gefühle und Gedanken? Zukunft: Wie komme ich voran zu schauen was ich nach Ruanda machen will?

9d3t0601kb__dailyprophetdeLand und Leute: Wie komme ich zurecht, wie schätze ich es hier ein.

Die Menschen in Ruanda sind freundlich und hilfsbereit. Egal wo ich bin, was ich mache oder was ich will, ich kann es bekommen und bekomme dabei Hilfe. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich nicht verstanden werde. Ich meine nicht sprachliche Probleme, sondern vor allem eine Verwunderung wie ich an Dinge ran gehe. Inzwischen habe ich ein Fahrrad mit dem ich ab und an nach Ruhengeri fahre. Das kann hier niemand verstehen. Warum fährt der Weiße, der doch genug Geld hat mit dem Fahrrad in die Stadt wenn er sich sicher auch ein eigenes Auto leisten könnte? Und warum schwitzt er dabei so? Immer noch laufe ich auch sehr viel hier in der Gegend herum. Inzwischen meist mit meinen Gästen schauen wie uns die Seen an, gehen nach Ruhengeri oder besichtigen die Schule. Auch das verstehen die Ruander meines Erachtens eher weniger. Diese Liste könnte ich noch lang fortsetzen. Ich verhalte mich oft nicht so wie die Ruander es von einem Weißen erwarten. Nicht jedoch in Dingen die ich Glaube, dass sie für die Ruander wichtig wären, wo es fehlenden Respekt zeigen würde. Ich versuche immer gut gekleidet zu sein und auch meine Schuhe putze ich brav.

img_1466kbZu den Leuten gehören in diesem Fall auch die anderen Freiwilligen die ich hier oft treffe. Inzwischen sind 30 Freiwille des DED und auch mindestens 10 von anderen Organisationen im Land. Sie sind oft die Leute die ich immer wieder brauche um auch mal ernsthaft mit Menschen die mich Kulturell und Sprachlich verstehen zu sprechen. Dafür waren vor allem meine „Ruhengeri-Mädels“ Betty, Marlen und Klara (zusammen mit Flo), diejenigen die mir da am meisten weiterhelfen konnten. Leider sind Betty und Marlen letztes Wochenende nach Beendigung ihres Jahrs hier nach Hause geflogen. Ich bin gespannt wie das dann hier so weitergehen wird. Jedoch auch außerhalb von Ruhengeri habe ich viel Kontakt mit anderen Freiwilligen. Die Apabena-WG in Kigali ist immer wieder meine Anlaufstation, nicht nur wenn es um eine Unterkunft geht, sondern auch für Gespräche, Späße und Kochabende aller Art.

Was mich zurzeit mehr und mehr zu Gedanken anregt sind verschiedenste Dinge die ich über ruandische Politik und auch den Gesellschaftsaufbau nach dem Genozid erfahre. Dazu nutze ich verschiede Internetquellen und habe auch bei twitter gute Autoren gefunden die interessante und meines Erachtens auch fundierte Berichte über Ruanda verbreiten. Einerseits sind das positive Dinge, wie die Wirtschaftsentwicklung, die Versöhnungsarbeit, andererseits aber auch über die Rolle der Regierungspartei direkt nach dem Völkermord oder die Verwicklung Ruandas in den Konflikt im Kongo.
Wenn ich solche externen Informationen mit meinen Erfahrungen zusammen bringe, macht mich das schon ein bisschen traurig. Das Ruanda von dem viel erzählen, wo jeder nach oben kommen kann und der Armut entfliehen wenn er sich nur besonders anstrengt sehe ich, vor allem hier auf dem Land, nicht. Es ist weiterhin einer kleinen Gruppe vorbehalten in Kigali den schönen Schein zu pflegen und es als ein Muster der Entwicklung darzustellen. Ich glaube nicht, dass die Schattenseiten dieser Entwicklung Thema beim Gespräch des deutschen Bundespräsidenten mit dem ruandischen Präsidenten letzte Woche waren.
Ich bin bei dieser Thematik dabei mein Bild vollständiger zu machen um auch fundierte Informationen zu haben und damit eine Meinung dazu auszubilden.

img_1549kbArbeit: Was tue ich und wie gefällt mir das?
Von den was ich mir am Anfang hier vorgestellt habe bin ich derzeit weit entfernt. Das ist jedoch in manchen Fällen auch gut so.
Ich unterrichte weiterhin Englisch. 5 Stunden die Woche. Wir machen viele Dinge die über reinen Englischunterricht hinausgehen. Wir diskutieren über Bildungssysteme und Chancengleichheit, über die UN und den Kongo, über Polizei und Militär als Karriereoption, über Zukunft im Allgemeinen. Über Informationszugang, Demokratie, Geld und Leben. Ich versuche das ganze verschieden aufzubereiten und so als Aufsatz, Diskussion oder auch als Diktat unter zu bringen. Ich habe dabei den Eindruck, dass ich diese Themen nicht aufdrücke, sondern von den Schülern kommen. Das macht mir und ihnen sehr viel Spaß und bringt uns alle weiter. Ich muss zugeben, dass ich noch mehr Zeit in die Vorbereitung investieren könnte, aber ich glaube mein Unterricht ist qualitätiv hochwertig.

Anders sieht es mit dem Gitarrenunterricht aus. Der läuft grad gar nicht. Unsere einzige Gitarre, abgesehen von meiner eigenen, ist leider kaputt und niemand kann oder will sie reparieren. Ich habe vorgeschlagen eine Gitarre zu kaufen und auch zu bezahlen, wenn die Schule auch eine kauft. Das stößt bisher jedoch auf taube Ohren. Nichts bewegt sich und die Leittragenden sind die Schüler die keinen Gitarrenunterricht haben. Ich muss zugeben, dass ich da derzeit auch nicht ganz so hinterher bin, da es mich schon ein bisschen stresst da immer zu nerven.

Was gut anläuft und auch zu einem Teil meiner Arbeit an der Schule geworden ist, ist das Informationszugangsprojekt. Die Pläne stehen und werden auch umgesetzt, zumindest was den Teil davon angeht den ich mache. Es ist schwierig die anderen ins Boot zu bekommen. Ich bin derjenige der pushed und die Sache nach vorne bringt. Das kostet Energie und Zeit. Ich will da aber dran bleiben, denn wenn das funktioniert, dann ist es das Beste was ich hier hinterlassen kann. Hier seht ihr übrigens das Project Paper: information-access-improvement-project-0909

Zur Finanzierung des Info Projektes machen wir derzeit noch bei einem Photo Contest der GTZ mit. Dabei geht es darum Bilder über das Lernen und Arbeiten in Ruanda zu machen. Die teilnehmenden Schulen können dabei Geld und auch eine Digicam gewinnen. Mal schauen wie das so wird.

Der größte Frustposten meiner Arbeit ist aber weiterhin die Pfadfinderarbeit. Hier mit der Gruppe vor Ort klappt es echt gut. Ich bin manchmal dabei, werde nett aufgenommen und ein bisschen Teil der Pfadis hier. Darüber hinaus auf Nationalebene funktioniert nichts was meine Mitarbeit angeht. Auch schon die Stufe drunter, dass ich über Aktionen oder Veranstaltungen auf dem Laufenden gehalten werde, funktioniert nicht. Die Gründe dafür liegen sicherlich bei den internen Problemen die es hier gibt, andererseits aber auch beim derzeit schwierigen Verhältnis zwischen DPSG und ASR. Das sind aber Interna, die ich weder ganz verstehe, noch in irgendeiner Weise lösen kann.

img_1604kbLeben: Wie ist mein Leben zur Zeit, von was wird es geprägt?
Die letzte Woche war sicherlich davon geprägt, dass ich eine ausgewachsene Krippe hatte. Gliederschmerzen, Kopfweh, Schnupfen und Husten. Das hat mich ein bisschen angeschlagen und auf jeden Fall meine Kreativität ein bisschen ausgebremst. Sonst besteht mein Leben gerade aus zwei Teilen. Dem Teil hier in Nkumba und dem Teil unterwegs. Hier in Nkumba arbeite ich viel, bin aber auch viel auf mich gestellt und vertreibe meine Zeit. Gerade an den Abenden bin ich viel alleine, koche und mache alle möglichen Dinge. Die Tage sind von Arbeit mit großen Pausen geprägt.
Derzeit nimmt aber mein Unterwegs-Teil viel Platz ein. Wie oben schon angesprochen bin ich oft in Kigali. Auch dort arbeite ich ein bisschen: Treffe mich mit interessanten Leuten, suche in Bibliotheken nach Büchern. Oft genieße ich aber auch die Gesellschaft, die sich mir dort bietet. Ich war letzte Woche bei einer Wahlparty der Deutschen Welle zur Bundestagswahl und dieses Wochenende bei den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in der Residenz des Deutschen Botschafters. Dazu werde ich aber noch mal extra was schreiben.

Ich: Wie sind meine Gefühle und Gedanken?
Ich fühle mich Wohl. Die oben angesprochenen Dinge sind oft Teil meiner Gedanken. Darüber hinaus bin ich im Kopf in den letzten Wochen auch oft mit Dingen im Ausland beschäftigt. Ich habe viel Mailkontakt zu anderen Freiwilligen in aller Welt die ich von meinem Vorbereitungsseminar kenne, bei denen grad nicht alles super läuft. Dazu kommen meine Freunde, vor allem in Deutschland und Frankreich, und deren neue Lebens- und Arbeitssituationen. Auch viele Sachen die aus dem letzten Jahr in Heidelberg liegen geblieben sind arbeite ich nach und nach auf.
Oft frage ich mich aber auch, wie gut es ist hier zu sitzen und an Sachen zu arbeiten und drüber nachzudenken die ich die nächsten 9 Monate nicht lösen kann. Meistens tut mir das jedoch gut und deshalb passt das auch so.
Immer wieder kommen aber dann die Sachen hoch, die ich mir für hier vorgenommen habe. Französisch lernen zum Beispiel. Da geht gar nichts. Ich müsste nur mal anfangen, aber dafür bekomme ich mich nicht aufgerafft. Dazu muss ich mir demnächst mal überlegen wie ich da weiter mache.
Was demnächst auch ansteht ist mein Urlaub hier in Ostafrika. Ich habe im November und Dezember frei und denke darüber nach wo ich hin will und vor allem auch ob ich das alleine machen will oder mit anderen zusammen. Und wenn zusammen, dann mit wem. Steht auf meiner to-do Liste.

Zukunft: Wie komme ich voran zu schauen was ich nach Ruanda machen will?

Ich war so ein bisschen erschrocken, als mir neulich aufgefallen ist, dass ein Drittel einer Zeit hier schon vorbei ist. Das heißt in weiteren 3-4 Monaten sollte ich anfangen mich für Jobs zu bewerben. Ich denke oft drüber nach was ich denn so machen könnte. Und natürlich komme ich dann immer auf den Schritt davor: Was sind meine Stärken, was meine Schwächen, wo bin ich Einsetzbar, wo kann ich glücklich werden und was brauche ich dazu. Es ist noch so offen, dass ich nicht mal weiß, ob ich meine berufliche Zukunft in Deutschland oder auch vielleicht im Ausland suchen sollte. Es gibt viele Bereiche die mich interessieren und wo ich glaube etwas bewirken zu können.
Ich habe mir vorgenommen in den nächsten Wochen verstärkt mit Leuten zu sprechen die mich weiter bringen können was diese Frage angeht. Ab Weihnachten soll es dann intensiv um die Jobsuche und die generelle Planung der Zukunft gehen.

Das war jetzt aber ein großer Rundumschlag über alles was grad bei mir so dran ist. Ich hoffe ich habe euch nicht erschlagen und freue mich über Rückmeldungen von euch, egal ob per Kommentar oder Mail.

rapha

Dieser Beitrag wurde am Montag, 05. Oktober 2009 um 20:09 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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4 Comments »

  1. soso…eine ausgewachsene „Krippe“ hattest du also…klingt nicht gut 😉 Aber ich wünsch dir ganz viel Glück mit deinem Info/Bib-Projekt, erstmal auch für das Fotoding mit den Kids! Viel Spaß mit den Ruhengeri-Mädels (und Flo) 😉 Kigali und anderen Städten im Süden des Landes. Für mich gehts am Freitag ab in den Westen…
    Alles Gute und meld dich mal!

    Comment: Betty – 05. Oktober 2009 @ 21:30

  2. Hey rapha,
    ich sitz ja sozusagen grad an der Quelle – wenn du magst, kann ich Dir den Kontakt zum Ruanda-Zuständigen im BMZ besorgen. Und auch sonst, falls du irgendwie den institutionellen Kontakt ins BMZ brauchst…..
    ansonsten: Sehr schöner Bericht. Auch der die das Paper zu Deinem Projekt gefällt mir gut, ich spür da richtig Deinen Tatendrang 🙂

    Grüßle aus Bonn, fühl dich gedrückt!!
    Gabi

    Comment: Gabi – 06. Oktober 2009 @ 12:11

  3. Hallo Du,
    freu mich über so viele Gedanken…finde die Angabe von Quellen
    für zusätzliche Infos über Ruanda sehr gut und wichtig.
    Viel Erfolg und einen langen Atem beim Info-Projekt wünscht Dir
    Franziska

    Comment: Franziska – 06. Oktober 2009 @ 21:01

  4. hi rapha ! Bei dir bewegt sich ja jede menge.Hier am see auch .Es regnet , Boot kommt ausm Wasser . der sommer geht dahin , miris großes Fest ist in ein paar Tagen . Herbst , der see und die Wälder alle Farben die Du kennst zeigen sich in allen nuancen.Eine gute zeit wünsch ich Dir noch und viel Erfolg bei Deiner Arbeit und freu Dich schon mal ein wenig auf die Zeit wieder hier am see und segeln. liebe Grüß auch von der sarah und vom Benny . Gruß Toni

    Comment: toni – 09. Oktober 2009 @ 08:51

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