Kanyarwanda Raphael

img_1436Seit gestern Abend habe ich nun auch offiziell einen ruandischen Namen: Kanyarwanda Raphael, Raphael der Ruander. Zu Beginn des Abends dachte ich er würde ablaufen wie die meisten meiner Abende wenn ich abends alleine zu hause bin. Ich fang um 5 Uhr an zu kochen, gestern gab es zum ersten Mal Kartoffelsalat, schreibe ein paar eMails und esse. Nachdem ich es gestern aber ein bisschen gemütlicher haben wollte und meine Stimmung gut war, habe ich mir ein Lagerfeuer in meiner Feuerstelle gemacht und dazu ein Bier getrunken. Es war kühl, aber gemütlich. Um 7 Uhr, hier also schon spät am Abend, klopfte es plötzlich an der Tür.

Es war mein Nachbar Gabriel, der meinte er würde mit ein paar Leuten ein Bier trinken, ob ich denn nicht vorbei kommen wollte. Daraufhin bin ich mit zu seinem Haus, welches gegenüber von meinem liegt. Dort waren alle Lehrer und deren Frauen und Kinder im Wohnzimmer gesessen. img_1429Sofort nach meiner Ankunft war die Sprache im ganzen Raum Englisch. Während ich ein Mützig trank, natürlich ein großes, sprachen wir über die Umstellung der Schulsprache von Französisch auf Englisch vor knapp einem Jahr. Die Lehrer haben dafür einen einmonatigen Kurs bekommen und sollten im Anschluss daran ihren Unterricht auf Englisch abhalten. Der Tenor der Diskussion war schnell klar. Umstellung ja, aber nicht so schnell. Alle waren der Meinung, dass solch eine Umstellung eine Generation dauert und es gerade für Lehrer die schon älter sind und ihre gesamte Ausbildung in französischer Sprache absolvierten schwierig ist. „We get killed by this change“ meinte dazu Charles, mit 50 Jahren der älteste unter den Lehrern. Für junge Lehrer wie meine Kollegen Jean-Paul, Desire, Gabriel und Pacifique wäre es kein Problem. Sie haben ihr Studium auf Englisch absolviert, teilweise in Uganda.

Für alle Lehrer gibt es am Freitag im Büro des Sektors einen Englischtest um zu schauen ob sie Fortschritte machen. Danach werden sie in verschiedene Kategorien eingeteilt und solle weiter gefördert werden. Die anderen Lehrer haben mich animiert, dass es für mich als Muttersprachler ja kein Problem wäre da ein bisschen mitzuschreiben. Die Verwunderung war einigermaßen groß, als ich sie darüber aufgeklärt habe, dass in Deutschland die Landessprache Deutsch ist und ich Englisch auch nur in der Schule gelernt habe. Mal schauen ob ich den Test mitschreibe. Leseverstehen, Grammatik, Vokabeln und einen Aufsatz zum Schluss.

Inzwischen hatte sich die Runde ein wenig ausgedünnt, die Frauen und Kinder waren zu Hause, das nächste Bier wurde geöffnet und das Thema der Diskussion wurde gewechselt. Es ging um anders sein, anpassen und kulturelle Unterschiede. Ich habe wieder mal bemerkt, wie wichtig die Gemeinschaft unter den Lehrern ist. Jean-Paul erzählte davon, wie es undenkbar wäre, wenn sein Vater zu Besuch bei ihm wäre und er nicht seine Kollegen abends zu einem Bier einladen würde. Ansonsten wäre sein Vater besorgt über das Sozialleben seines Sohnes. img_1309Ein Bisschen habe ich dabei auch die Kritik rausgehört, dass ich sie nicht alle eingeladen habe als meine Mutter zu Besuch war. Das muss ich wenn ich das nächste Mal Besuch habe auf jeden Fall machen. Im Rahmen dieser Diskussion kamen wir dann auch auf kulturelle Unterschiede und den Umgang damit zu sprechen.

Wir landeten in einem Rollenspiel mit Charles als altem weisen Lehrer, der uns, seinen Schülern, Fragen stellte und uns aufrief. Die drei zu klärenden Begriffe waren in diesem Zusammenhang assimilation, adaptation und domination, als die drei Arten wie man auf eine andere Kultur zugehen kann. Schnell war klar, dass assimilation, das totale unterordnen in eine fremde Kultur bei gleichzeitiger Aufgabe der eigenen, kein guter Weg ist. Auch domination, das Überstülpen der eigenen Kultur und Verhaltensformen auf andere, wie es teilweise vor allem die Franzosen in der Kolonialzeit gemacht haben, ist nicht zielführend. Lediglich das Einlassen auf eine fremde Kultur, jedoch mit Beibehaltung der eigenen Wertvorstellungen kann auf Dauer ein für beide Seiten zufrieden stellendes Zusammenleben garantieren.
Obwohl dies schnell klar war gefiel sich Charles in seiner Lehrerrolle so gut, dass er weiter einen nach dem anderen die Definitionen der Wörter wiederholen ließ. Die Erlösung kam von Gabriel, der kurzerhand ein Englischlexikon holte und uns die offiziellen Definitionen vorlas.
Charles setze danach zu einer endlosen Dankesrede an in welcher er immer wieder hervorhob, wie froh sie alle sind, dass ich hier bin und mich so gut mit ihnen verstehe. Dabei gab er mir den Namen Kanyarwanda Raphael. Alle stießen darauf an und betonten nochmals, wie gut ich mich hier eingefunden habe und wie toll mein Kinyarwanda sei.
Zum Schluss eines interessanten und auch für meine Seele guten Abends sprach der Hausherr, Gabriel, noch ein paar Worte in welchen er nochmals beschrieb wie spontan ich sei, dass ich einfach, auf seine Einladung hin, mitgekommen war. Das allerletzte Wort hatte Jean-Marie, der Lehrersprecher, der kurz und prägnant allen dankte und noch ein Gebet sprach.

Mir hat dieser Abend sehr gut getan. Ich habe nun den Eindruck besser bei den Lehrern integriert zu sein und auch nochmals die Bestätigung, dass ich auch mit der Art und Weise wie ich hier agiere und mich verhalte gut ankomme. Ich mache nicht alles wie die Ruander, passe mich aber insoweit an, dass ich sie mit meinem Verhalten nicht beleidige oder verärgere. Dabei bin ich trotzdem noch rapha aus Deutschland, der seinen Rucksack an Werten und Erziehung mit hier her bringt. Seit gestern Abend bin ich aber zusätzlich noch Kanyarwanda Raphael.

Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 23. September 2009 um 11:09 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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4 Comments »

  1. Miriwe Kanyarwanda!
    Hey Rapha,
    das finde ich super, dass du jetzt auch einen Kinyarwanda-Namen hast!
    Herzlichen Glückwunsch!
    Hab den Artikel mit Freude gelesen!
    bin gerade auf dem Rückweg von Freiburg in Ottenhöfen eingekehrt und fahr morgen früh zurück nach Heidelberg.

    Lieben Gruß!
    na ejo!

    Habimana Sandro

    Comment: Habimana Sandro – 23. September 2009 @ 19:08

  2. Das hört sich echt prima an und freut mich.

    Ich hab hier grad zwei KöPi im Kühlschrank liegen, die ich gerne mit dir teilen würde… aber ich werde den edlen Tropfen wohl alleine (oder auch nicht) in Erinnerung an unsere Stunden in der Zwitscherstube trinken.

    Santé,
    Dominik

    Comment: Dominik – 23. September 2009 @ 21:44

  3. Sehr schöner Artikel! Herzlichen Glückwunsch zum neuen Namen, klingt, als sei es eine große Ehre.
    Genieß die Zeit in Ruanda!
    Grüßle aus Bonn,
    Gabi

    Comment: Gabi – 27. September 2009 @ 10:44

  4. Hallo Rapha,
    freue mich ganz arg, dass Du mehr Kontakt mit Deinen Kollegen bekommen hast. Ich denke, das erleichtert Dir auch das Dabeisein in der Schule.
    Glückwunsch zu Deinem neuen Namen.
    Alles Liebe
    Franziska (mom)

    Comment: Franziska Breyer – 29. September 2009 @ 12:16

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