Information Access Improvement Project

img_1313Meine Tätigkeit als Lehrer hier war die ersten drei Monate hauptsächlich davon geprägt, mich in die Philosophie der Schule einzuführen. Natürlich verfolgt das Petit Seminaire St. Jean Nkumba das Ziel die Schüler bestmöglich auszubilden. Die Probleme sind allerdings, dass wenig Innovation im Schulbetrieb ankommt und so vieles so gemacht wird wie immer. Auch die ruandische Kultur Vorgaben zu akzeptieren und Regeln zu befolgen schlägt sich hierbei nieder. Hinterfragen oder gegenüber von Autoritäten Verbesserungen vorzuschlagen passiert hier nicht. Damit ist die Schule abgeschnitten von der realen Welt und kocht ein wenig im eigenen Saft. Diese Erkenntnisse kamen mir nach einem Aha-Erlebnis vor zwei Wochen.

img_1314Für zwei Wochen war das von mir gesetzte Thema bei den Senior 5 (15 bis 17 Jahre) Erneuerbare Energien. Der Einstieg war ein Zeitungsartikel in welchem darüber berichtet wurde, dass Ruanda nun in die Produktion von Bio-Diesel einsteigen will. Wir haben einen Text aus meinem alten Englischbuch als Diktat geschrieben, in dem es um Klimaerwärmung geht. Im Anschluss daran sollten Fragen beantwortet werden. In der Diskussion haben wir verschiedene Energiequellen ausdifferenziert und anschließend Gruppen gebildet, die jeweils eine alternative Energiequelle vorstellen sollten. Dazu durften sie den Computerraum und die Bibliothek nutzen um Informationen zu sammeln. Zusätzlich haben wir zusammen beschrieben, was eine gute Präsentation ausmacht und welche Informationen darin enthalten sein sollten. Nach 3 Stunden Recherche, als die Präsentationen starten sollten, meldete sich keine Gruppe freiwillig mit dem Vortrag zu beginnen. Erst auf Nachfrage meinerseits wurde klar, das keine der Gruppen Informationen zu präsentieren hatte.

Die Erklärung hierfür war, dass im Computerraum nur einer von 10 Computern funktionierte und die Bücher in der Bibliothek alle mindestens 30 Jahre alt sind. Diese Fakten bestätigten sich nachdem ich mir den Computerraum und die Bibliothek ein wenig näher angeschaut habe. Nach Gesprächen mit meiner Mutter, die ja gerade zu Besuch war, und Alexander, meinem deutschen Pfarrer, war klar, dass ich an diesem Umstand etwas ändern will, ja vielleicht sogar muss.

img_1315Die Folge daraus ist das Information Access Improvement Project (kurz IAIP), welches ich danach ausgearbeitet habe.

Zur Situation im Computerraum: In unserem Computerraum stehen 10 Computer die geschätzte 5-10 Jahre alt sind. Generell sind sie meines Erachtens geeignet um hier ihren Dienst zu tun. Leider gibt es niemanden der für die Computer zuständig ist und so funktioniert derzeit nur einer. (Ich hatte vor 2 Monaten mal noch 3 weitere funktionsfähig gemacht, leider ohne dauerhaften Erfolg)

Die Bibliothek: Bei meinem Besuch der Bibliothek hat sich deren Situation als noch schlimmer herausgestellt als ich zunächst dachte. Die Bücher sind 50 Jahre oder älter, 2/3 sind spirituelle, liturgische oder katechetische Bücher. Es gibt vielleicht 20 wissenschaftliche Bücher zu Bio, Chemie oder Mathematik (immerhin der Schwerpunkt unserer Schule). Daneben gibt es auch etwa 30 Bücher auf Deutsch, was außer mir hier niemand spricht. 20 sind Heiligenbücher, 10 Bücher sind über die Geschichte Afrikas. Keines davon ist jünger als 1970. Zwei davon, aus den 1950ern, habe ich gleich mal verschwinden lassen. Für meinen Eindruck kam da zu viel Rassentheorie (oder so was in die Richtung) und absurde verstaubte Geschichtsschreibung drin vor. Inhaltliches Zitat: Die Geschichte Afrikas beginnt mit der Kolonisierung.

Ansonsten haben die Schüler wenig Zugang zu anderen Informationen. Sie sind immer 3 Monate am Stück hier, ohne Input von außen.

Das Projekt soll aus meiner Sicht aus 7 Arbeitsfeldern und einem Punkt „General Thoughts“ bestehen. Die 7 Felder sind: Computerraum, Bibliothek, TV Nachrichten, Internetzugang, wissenschaftliche Filme/Dokumentationen, Besuche und auswärtige Spezialisten. „General Thoughts“ beschreibt, wie in Zukunft sach- und finanzielle Mittel beschafft werden können um die Informationslage weiter zu verbessern. Sie haben im Vergleich zu den anderen Punkten, die eine Deadline von 2 Wochen bis 3 Monaten haben, eher einen Zeithorizont von 6 Monaten plus.

Gestern hatte ich dann einen Termin mit Father Wilson, dem Head of Studies, und Fratiri Dieudonne, der hier sein pastorales Jahr verbringt. In einer zweistündigen Sitzung habe ich ihnen mein Projekt vorgestellt und vor allem versucht die beiden, die Informatiklehrer und die Schüler einzubinden. Dazu habe ich heute ein Ergebnisprotokoll erstellt, in welchem eine klare Aufgabenverteilung drin steht. Schnelle erste Erfolge sind, dass die Sekretärin seit heute in der Bibliothek ein Register anlegt, mir zugesagt wurde, dass die Schüler ab jetzt jeden Abend eine Stunde lang Weltnachrichten auf France24 schauen können und wir ab nächster Woche eine neue Tageszeitung abbonieren werden. Im Gegenzug werde ich, hoffentlich zusammen mit den Informatiklehrern, die Computer auseinander bauen, in Kigali zwei Bibliotheken besuchen und vor allem meine deutschen Kontakte nutzen um die Situation zu verbessern.

In dem Gespräch ist es mir, wie ich finde, gut gelungen Dinge anzustoßen, aber gleichzeitig zu betonen, dass so etwas nur Sinn ergibt, wenn es Leute von hier machen, und nicht ich, der in 9 Monaten wieder gehen wird.

img_1311Interessant bei dem Gespräch war die Diskussion zum Schluss, darüber woher man mehr Informationen bekommt und wie man auch an größere Fördertöpfe kommt. Für die beiden Ruander war klar, dass man nur mit Institutionen in Kontakt kommt wenn man Leute dort kennt. Deswegen halten sie mich in dem Projekt für sehr wichtig. Für mich funktioniert das anders: Wenn ich in Kontakt mit zum Beispiel einer NGO kommen will, dann google ich die und ruf an. Damit bekomme ich einen Zuständigen und kann dem das Anliegen erklären. Wenn es gut geht, bekomm ich auch einen Termin. Das sind die kulturellen Unterschiede.

Ich bin gespannt wie sich das Projekt weiter entwickelt und welche Erfolge wir damit erzielen können. Wenn jemand von euch dazu noch mehr Ideen hat, dann postet diese doch bitte in den Kommentaren. Vielleicht ist es auch möglich ein interaktives Dokument zu erstellen auf welchem alle Interessierten brainstormen und mitarbeiten können.

Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, 10. September 2009 um 10:51 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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7 Comments »

  1. hmm, seit donnerstag kein Kommentar? na dann fang ich mal an 🙂
    cooles projekt würde ich sagen! wenn die das tatsächlich selbst organisieren können die mit guter unterstützung rechnen. ich hoffe nur, dass das bei der schulleitung auch so ankommt und nict so, dass die meinen, du organisierst ihnen alles.
    generel würde ich sagen, dass man die rechner ziemlich leicht wieder fit bekommt, hängt halt davon ab, wie der computer-teile-handel bei euch so funktioniert. für 5-10 jahre alte rechner kann ich evtl auch teile aus meinem institut organisieren, die sollen aber in kürze entsorgt werden.
    haben die an der schule internet? oder woher sollen die dann infos bekommen? man kann zb wikipedia als dvd images runterladen, brennen und euch schicken…
    das schwierigste feld halte ich für die bibliothek, denn bücher sind meiner meinung nach ziemlich teuer, aber da kann ichmich auch täuschen. hab da jedenfalls keine möglichkeit im kopf, billig an was ranzukommen was für dich von nutzen sein könnte. versuch unbedingt noch das time-magazine, das die fathers ausgelesen haben für die schüler zu bekommen.
    das waren erstmal so meine gedanken, evtl kann ich noch mit einem besuch dienen 😉 aber erstmal geh ich für 6 wochen nach bolivien, komme also höchstwahrscheinlich nicht mehr dieses jahr.
    grüßle vom dokotor

    Comment: dr. th – 13. September 2009 @ 14:41

  2. hmm ok die wikipedia-dvd gibt es bisher nur auf deutsch und weder englisch noch französisch sind irgendwie in sichtweite…

    Comment: dr. th – 13. September 2009 @ 14:48

  3. Hey Rapha,
    Ich denke ich könnte auch was für den Computerruam tun. Falls das mit nem Besuch ende des Jahres klappen würde, kann ich eventuell was von Dr.’s Hardware mitbringen.

    @Dr.Th – das mit der Wikipedia ist eine super Idee! Wenns keine DVD gibt, dann könnte mann vielleicht was aus ner Knoppix DVD und dem Datenbank-Dump der Wikipedia machen?! Da müsste man doch was basteln können …

    Comment: Daniel – 14. September 2009 @ 18:51

  4. nochmal ein update: die rechner meines institutes sind schon entsorgt 🙁

    Comment: Dr. Th – 17. September 2009 @ 12:37

  5. Cooles Projekt Rapha!

    Ich denke an Hardware kann man sicherlich was aus Deutschland organisieren, die Frage ist wie immer nur: Wie kommt das Zeug nach da unten.

    Bei Büchern kann man sicherlich auch was machen. Immer wieder gibt es Flohmärkte wo alte Bücher verschachert werden. Problematisch ist, dass diese auf Französisch sein sollten. Vielleich kann man da ja was mit Dominik in Paris anzetteln 😉

    Eine französische der Wikipedia auf DVD zu finden scheint doch sehr schwer zu sein.
    http://www.actualitte.com/actualite/5547-wikipedia-ecole-scolarite-bittorrent-encyclopedie.htm
    Der Link hat mich auch noch nicht wirklich weiter gebracht.

    Vielleicht hilft ja der Link:
    http://astuces.jeanviet.info/mobilite/wikipedia-sur-dvd-ou-pc-grace-a-wiki-taxi.htm

    Comment: Michi – 20. September 2009 @ 22:45

  6. […] Damit habe ich Zeit genug um mich um mein Info Projekt zu kümmern. Ich hatte euch das ganze ja schon mal vorgestellt und will nun zeigen was die weiteren Schritte sind. Leider kann ich dabei nicht viel Greifbares […]

    Pingback: rapha in ruanda » Information Access Improvement Project (2) | rapha in ruanda – 18. November 2009 @ 16:34

  7. […] Informationen zum Information Access Improvement Project findet ihr in dem ersten und zweiten Artikel dazu. Dieser Beitrag wurde am Montag, 01. Februar 2010 um 12:25 Uhr […]

    Pingback: rapha in ruanda » Information Access Improvement Project (3) | rapha in ruanda – 01. Februar 2010 @ 12:25

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