Bilder

img_0338Wenn ich hier spazieren gehe, treffe ich oft Menschen die gerade auf dem Weg zum Feld sind oder von dort zurückkommen. Oft haben sie dann eine Machete in der Hand. Die Machete ist hier das Allzweckwerkzeug. Damit wird Holz gehackt, Bananenbäume gestutzt oder auch Gras geschnitten. Jedes Mal wenn ich einen Mann mit einer Machete sehe kommen bei mir aber auch andere Bilder hoch. Hauptsächlich mit diesem Werkzeug sind die Menschen 1994 regelrecht geschlachtet worden. Bei mir im Kopf ist das immer noch so, dass ich es nicht fassen kann. Jemanden mit einer Machete zu töten heißt, zu sehen wie er verblutet. Verglichen mit einer Pistole, bei welcher man ein ganzes Stück weg sein kann, oder etwa mit Gas, welches man nicht sieht und welches keine offenen Wunden hinterlässt. Was muss ein Mensch fühlen, damit er so etwas tun kann? Und was fühlt er wenn er es tut? Wie kann man nur jedes Menschlichkeitsgefühl verlieren? Wie kann man sein Opfer dann noch vergewaltigen? Das sind Fragen die glaube ich niemand beantworten kann.

Trotzdem müssen sie immer wieder gestellt werden. Sie müssen vor allem in Ruanda gestellt werden. Jedoch sicherlich nicht an Ruander.

Ich frage mich immer wieder ob das an meiner westlichen Erziehung und meinem nicht existenzbedrohenden Umfeld liegt, dass ich so etwas nicht begreifen kann. Ich frage mich ob so was kulturabhängig sein kann.

Einen der letzten Artikel die ich in Deutschland gelesen habe handelte von Ruanda. Es war ein kleiner Dreispaltenartikel im Südkurier, der Lokalzeitung am Bodensee. Darin wurden ähnliche Fragen aufgeworfen. Leider blieb der Artikel beim Herausstellen der Unterschiede zwischen dem Völkermord an den Juden in Europa und dem Genozid in Ruanda stehen. In Deutschland wurde die dreckige Arbeit den Mordens speziellen Einheiten wie etwa der SS überlassen während in Ruanda der Mob der einfachen Leute mordend durch die Straßen zog und regelrecht jagt auf Menschen gemacht wurde. Den Grund dafür sah der Autor in der Kultur in Deutschland lieber wegzuschauen und lieber im Unklaren zu bleiben und dadurch, dass man nicht alles weiß, auch seine Unschuld zu bewahren.

Aber wie kann denn ein Ruander besser mit seiner Schuld umgehen? Wie kann er normal weiterleben wenn er Männer, Frauen und Kinder mit einer Machete umgebracht hat. Oder mit einem mit Nägeln besetzten Knüppel, oder mit einem Schraubenzieher?

Kann man so was verdrängen? Muss man so was vielleicht verdrängen?

img_0339Zwar sitzen immer noch etwa 100000 Ruander im Gefängnis für das was sie 1994 getan haben, aber viele sind auch schon längst wieder frei.

Mal die andere Seite betrachtet: Wie ist es eigentlich für die Leute die dabei zusehen mussten wie ihre Familie, ihre Freunde oder ihre Nachbarn so bestialisch ermordet wurden? Wie können die hier normal weiterleben?

Beide Seiten sind für mich nicht vorstellbar. Ich verstehe nicht wie das funktioniert. So etwas fällt mir immer auf wenn ich hier Leute sehe die 30 Jahre oder älter sind. Die waren auf jeden Fall dabei. Entweder auf der einen oder auf der anderen Seite.

Wenn ich so jemand beim Spazierengehen treffe, mit einer Machete in der Hand und ihn begrüße, dann nimmt er seine Machete in die linke Hand um mich freundlich mit der rechten zu begrüßen und mich zu Fragen wie es mir geht.

Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 23. Juni 2009 um 07:13 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie dort abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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6 Comments »

  1. Spannende Frage.

    Eine kurze Nachfrage. Heißt es wirklich „Ruander“ oder nicht eher „Ruandese“?

    Comment: Michi – 23. Juni 2009 @ 09:06

  2. Ich hatte dasselbe als ich in Ruanda war. Und mir hat auch jemand gesagt, dass das Herz vieler Leute hart ist und sie nicht mehr sind als nur Phantome ihrer selbst. Aber ich glaube, dass die Unterschiede nicht kulturell bedingt sind, sondern eher Entwicklungsbedingt. Klingt jetzt doof, aber im Mittelalter wurde sich auch noch in Europa abgeschlachtet.
    Es gibt übrigens ne sehr sehr gute Reportage darüber wie die Mörder von 1994 wieder in Dörfer kommen und mit den Familie der Toten zusammen leben.

    Comment: Martin – 23. Juni 2009 @ 20:51

  3. @michi im englischen heißt es ruandan, im französischen ruandese. ich hab mich für ruander entschieden.

    @martin: ja das kann sein. komisch find ichs auf jeden fall, da hier so mittelalterliche sachen (auch Hausangestellte und sowas) auf hochmoderne dinge treffen.

    Comment: rapha – 24. Juni 2009 @ 06:43

  4. hallo rapha,
    ich denke man kann des schon mit den machenschafften der SS vergleichen, weil in der SS auch hauptsächlich freiwillige gedient haben, sprich menschen die in den 1930er jahren ein ganz normales leben geführt haben.

    http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BChlviertler_Hasenjagd

    lies den artikel mal durch…

    gruss
    tom

    Comment: Thomas Tomate – 24. Juni 2009 @ 09:40

  5. Ich hab mir vom Bundesreferenten InGe sagen lassen, dass es Ruander heißt!
    Toller Artikel, Rapha!

    Liebe Grüße aus Dossene
    Gabi

    Comment: Gabi – 26. Juni 2009 @ 07:47

  6. Man sollte meiner Meinung nach etwas vorsichtig mit dem Begriff „Mittelalter“ umgehen. Unter anderem deshalb weil man darunter ca. 600 Jahre fasst. Aber auch weil Barbarismus in allen Menschheitsepochen vorkam und wohl kaum mit etwas Abstraktem wie dem „Entwicklungsstand“ in Verbindung zu bringen ist. Noch im Ersten Weltkrieg töten sich die Menschen mit aufgepflanzten Bajonetten, gleichzeitig aber mit „modernen“ Methoden, etwa Giftgas…(übrigens ohne Nazi-Ideologie und in vielfachem Ausmaß im Vgl. zu Ruanda)
    lg Flo.

    Comment: Flo – 01. Juli 2009 @ 12:45

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